Geh ein Risiko ein

September 15th, 2017 | No Comments | Posted in Aus aller Welt, Lebensmodelle

‘Bleib nicht auf der sicheren Seite, geh ein Risiko ein.’
So lautet ein Anregung von Kay Van Norman, Expertin für gesundes Älterwerden und Leiterin des Keiser Institute on Aging, USA. Sie erzählt die Geschichten von zwei älteren Menschen, Eldo, 82, und Harriet, 100,  von denen sie die „Würde des Risikos“ gelernt hat im Sinne von Resilienz und Unabhängigkeit. Ältere Menschen, so Kay Van Norman, werden von gutmeinenden Beratern oft in eine Sicherheitszone gedrängt, speziell dann wenn sie körperliche Einschränkungen haben. Die Würde des Risikos erlaubt Menschen jeden Alters, unabhängig ihrer körperlichen Fähigkeiten, selbst zu bestimmen, wie sie leben wollen und die Balance zwischen persönlichem Risiko und  Sicherheit herauszufinden.
ELDO, 82.
Eldo stürzte und brach sich Rücken und Nacken. Seine Freunde waren entsetzt und überzeugt, dass es mit Eldo nun aus sei. Als Kay Van Norman Eldo im Spital besuchte, hörte sie von ihm als erstes den Satz: „ Ich kann nicht glauben, dass ich nun den ganzen Sommer nicht mehr reiten kann.“ Dabei hatten ihm die Ärzte gesagt, dass es mit dem Reiten für immer aus sein werde.
Seine nächste Aktion: er rief die Krankenschwester und sagte ihr, dass die Nackenkrause ihm eine Menge Schmerzen verursache. Die Krankenschwester, so Kay van Norman, meinte herablassend: „Nun, sie werden wohl nicht erwarten, dass eine Halskrause angenehm ist.” Eldo antwortete: „ Ich habe keine angenehme Hauskrause erwartet sondern eine, die erträglich ist. Holen Sie den Orthopäden.“
Zu dem was man Resilienz nennt, sagt Kay Van Norman, gehören Optimismus, Hoffnung, Selbstwirksamkeit in dem Sinn, dass ein Mensch erwartet,  gewünschte Handlungen aufgrund eigener Kompetenzen erfolgreich selbst ausführen zu können. Also dass wir einen Einfluss auf das haben, was uns geschieht und eine Möglichkeit der Kontrolle.

Im Fall von Eldo bedeutete Resilienz: er war sicher, sich zu erholen; er wusste, was er brauchte und er forderte es ein. Er bekam eine andere Halskrause, die ihm eine sofortige Erleichterung brachte und ihm damit das Gefühl gab, eine Kontrolle über sein Schicksal zu haben. Sieben Wochen nach dem Bruch saß Eldo wieder auf dem Rücken eines Pferdes.

Wie kam es, dass sein Heilungsprozess so schnell vor sich ging?

Die Antwort von Kay Van Norman: Er war sich nicht nur sicher, auf die Beine zu kommen und er lehnte alle negativen Erwartungen im Zusammenhang mit Alter ab und indem er alles tat, um so schnell wie möglich wieder zu reiten, ging er die Würde des Risikos ein. Genesung ist mehr als nur ein physischer Prozess. Zum Glück war Eldos Arzt auch ein begeisterter Reiter und Freunde und Familie unterstützten Eldo bei seinem Bestreben, wieder zu reiten, anstatt ihn in die Sicherheitszone zu drängen.

Harriet, 100.

Zweiter Beweis ist die Geschichte von Harriet, die Kay Van Norman erzählt: Nachdem sie, Kay, ihren Sohn Cole zur Welt gebracht hatte, benötigte sie jemanden, der halbtags auf ihn aufpasst. Harriett war interessiert, aber Kay beunruhigt. Harriet hatte fortgeschrittene Osteoporose und einen  sogenannten „Witwenbuckel“. Kay fragte sich, ob sie, die Menschen immer auf ihre Möglichkeiten und nicht auf ihre Beeinträchtigungen hingewiesen hatte, den eigenen Rat befolgen könnte. Harriet antwortete auf ihre Besorgnis:“ Ich habe diesen Buckel schon mein ganzes Leben und habe meine zwei Kinder damit aufgezogen. Ich wüsste nicht, warum es jetzt anders sein sollte.“ Harriet war damals 80.

Ich möchte die Berge sehen

Kay und Harriet entwickelten also Strategien, die z.B. ein Heben des Kindes nicht erforderlich machten und Harriet beaufsichtigte Cole ab seinem vierten Monat bis zum Schulalter. Von Harriet, so Kay Van Norman, habe sie eine Menge über die Würde des Risikos gelernt. Als Harriet 90 war, verwendete sie einen Rollator und wohnte im zweiten Stock eines Hauses ohne Aufzug. Immer wenn jemand sie darauf hinwies, dass sie doch ins Erdgeschoß ziehen sollte, antwortete sie:“ Ich möchte die Berge sehen, wenn ich am Morgen aufwache.“ Harriet lebte in diesem Appartement noch als Hundertjährige.

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