Das Gehirn ist ein Mistkübel

September 14th, 2013 | No Comments | Posted in Featured Articles, Wissenschaft und Forschung

Ein Mann hat einen Unfall und  kann danach nichts mehr vergessen.„Das unerbittliche Gedächtnis“ nennt der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges  seine Erzählung über Ireneo Funes. Funes war Cowboy, fiel vom Pferd und war danach mit der Unfähigkeit zu vergessen gestraft.Wenn sich Ireneo Funes an einen Tag aus seinem Leben erinnerte, dann dauerte diese Erinnerung auch tatsächlich 24 Stunden.

Nichts vergessen können

„Wir nehmen mit einem Blick drei Gläser auf einem Tisch wahr; Funes alle Triebe, Trauben und Beeren, die zu einem Rebstock gehören. Er kannte genau die Formen der südlichen Wolken des Sonnenuntergangs vom 30. April 1882 und konnte sie in der Erinnerung mit der Maserung auf einem Pergamentband vergleichen, den er nur ein einziges Mal angeschaut hatte, und mit den Linien der Gischt, die ein Ruder auf dem Río Negro am Vorabend des Quebracho-Gefechtes aufgewühlt hatte. Diese Erinnerungen waren indessen nicht einfältig; jedes optische Bild war verbunden mit Muskel-, Wärmeempfindungen usw.“ ( Jorge Luis Borges )
Die Geschichte von Funes war der Ausgangspunkt des Vortrages bei der Linzer Ars Electronica 2013 von Rodrigo Quian Quiroga, Neurowissenschaftler und Leiter des NeuroEngineering Lab der University of Leicester, UK.

Muss es nicht wunderbar sein, ein außergewöhnliches Gedächtnis zu haben?

fragte sich Rodrigo Quian Quiroga und gab sich selbst die Antwort darauf:

Wahrscheinlich nicht.

Er berichtete von einem Journalisten, der von seinem Gedächtnis besessen war. Solomon Shereshevsky verfügte über ein absolutes fotographisches Gedächtnis. Er memorierte problemlos lange Reihen von Zahlen, Wörtern und Lauten, selbst noch Jahre später erinnerte sich an jede Zahl.

Das Gedächtnis platzt aus allen Nähten

Der 1977 verstorbene russische Neuropsychologe Aleksandr R. Lurija beschrieb Shereshevskys  Lebens- und Leidensgeschichte. Denn es war eine Geschichte des Leidens. Er hatte lebenslang eine Fülle von Bildern in seinem Kopf, konnte diese Bilder aber nicht verarbeiten, sein Gehirn war ein „Mistkübel.“

Altes ja, Neues nein

Ganz anders Henry Molaison, 1926-2005, einer bekanntesten Patienten in der Geschichte der Wissenschaft. Henry Molaison litt an Epilepsie und ein Chirurg entfernte ihm den Hippocampus. Ergebnis: Henry Molaison erinnerte sich zwar an Vergangenes, konnte sich aber nichts Neues merken, vielleicht weil er keine Neuronen mehr hatte, die feuern konnten.

Der Hippocampus

Vom Hippocampus weiß man heute, dass er wichtig ist, um Neues zu lernen. Seine Rolle ist, zahlreiche Eindrücke wie Hören, Riechen etc. zu verbinden, die zum Gedächtnis führen. Nach einiger Zeit braucht man den Hippocampus nicht mehr, sagt der Neurowissenschafter Arno Villringer vom Max Planck Institut. Er vergleicht die Rolle des Hippocampus mit der Funktion eines Dirigenten. Zu Beginn benötigt das Orchester den Dirigenten, wenn es eingespielt ist, geht es auch ohne ihn.
Der Hippocampus spielt auch eine große Rolle bei Demenzerkrankungen, vor allem bei Alzheimer, wenn Ablagerungen im Hippocampus die benachbarten Nervenzellen schädigen. Das geschieht bei einem Viertel aller 85-Jährigen und bei einem Drittel aller über 90-Jährigen.

www.aec.at/totalrecall

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