The Big Picture

Gesucht wird: ein neues Weltbild. Falsch: neue Welt b i l d e r werden gesucht.
The Big Picture, unter diesem Motto stand die Ars Electronica 2012, die vom 30.8. bis 3.9. in Linz stattfand. WissenschafterInnen berichteten von ihren Ergebnissen von der Suche nach einem neuen Bild von unserem Planeten, KünstlerInnen übertrugen ihre Visionen und Träume in Performances, Animation, Objekte, Bilder und Musik.
Ergebnis: es gibt nicht nur  e i n Weltbild, es gibt mehrere Welt b i l d e r.
Unser Planet betrachtet aus dem Weltraum, die Kugel inmitten eines nachtblauen Himmels, dieses Bild berührt bis heute. „Kann ein neues Bild noch immer so eine Wirkung haben wie diese Aufnahme des Planeten“ fragt Adam Bly, USA, Gründer und Geschäftsführer des Onlinewissenschaftsmagazins SEED. Seine Antwort darauf: „Ja wir können solche Bilder schaffen, die zu einem globalem Bewusstsein führen.“ Können wir das und wenn ja wie sollte dieses neue große Bild aussehen, welche Assoziationen löst es aus? Eine berechtigte Frage, denn „ Ein Weltbild ist eigentlich ein Vorbild“ sagte der Kulturwissenschafter Thomas Macho, „die Welt wird zum Bild und wird als Bild begriffen.“
The Big Picture
unter diesem Motto stand das Symposion 2012 . Im ersten teil ging es um die Rolle der Bildmedien in der Prägung und Verbreitung von Weltbildern und um die Frage, wie und mit welchen Visualisierungstechniken Informationen und Wissen abgebildet und vermittelt werden können.
Die globale Vernetzung
ein weiterer Schwerpunkt der Ars Electronica 2012, denn eines ist klar: ein zukünftiges Weltbild  braucht als Basis  die globale Vernetzung und wird in Zukunft mehr denn je von den Digital Communities bestimmt werden. Jede/r kann die neuen Medien benutzen, um sich selbst, der eigenen Gruppe, dem eigenen Anliegen eine Stimme zu verschaffen. Ein Preis der Ars Electronica ging daher auch an das Projekt
„ Syrian people know their way“, gestartet im Februar 2006. Syrische Kulturschaffende in und außerhalb Syriens unterstützen mit künstlerischem Engagement in verschiedenen Social-Media-Plattformen die Bemühungen der syrischen Bevölkerung, einen demokratischen Wandel zu erreichen. Das Projekt wurde mit einem Preis ausgezeichnet.
Twitter und die Aktienmärkte
„just setting up my twttr“, 21. Mai 2006, der erste Tweed  auf Twitter.
Kein Mensch kannte vor 6 Jahren Twitter, heute lässt sich aus den Aussagen der
Community ein gesellschaftliches Stimmungsbarometer erstellen, auch Zeitgeist genannt. Johan Bollen, Indiana University School of Informatics and Computing , und sein Team haben die Tweeds von Twitter Aussagen analysiert und ein Instrument entwickelt, um gesellschaftliche Stimmungsbarometer zu messen und dadurch Marktbewegungen der Finanzmärkte vorhersagen zu können.
Der Ausgangspunkt: Jeder Mensch hat im Laufe eines Tages unterschiedliche
Stimmungen, die sich rasch verändern können. Fotos zeigen diese Stimmungen. Johan Bollen, spezialisiert u.a. auf Datamining und Infometrik stellte sich die Frage: lässt sich- über die Twitter Aussagen- die Stimmung der Masse genauso als ängstlich, fröhlich, müde etc. charakterisieren wie der Gesichtsausdruck eines einzelnen Menschen am Foto. Die Antwort lautetet: ja. Was für den Einzelnen gilt, trifft auch auf den Zeitgeist zu, aus den Twitter Aussagen lassen sich Marktbewegungen vorhersagen.
Explosion der Datenvisualisierung
Wir verfügen über jede Menge Informationen, wir wissen immer mehr, aber wie lassen diese Informationen darstellen, wie können wir dieses Wissen so visualisieren, dass es verstehbar wird?
Manuel Lima, einer der führenden Experten für die Visualisierung von Infomationen bringt ein Beispiel: Zu Beginn speicherte ein Ipod 5 Gigabite, ein paar Jahre später waren es 160 Gigabite. In Zukunft werden wir 300 Millionen Bücher in einem Notebook speichern können.
Daten sind zur online Währung geworden. Visualisierung als Spiegel des Wissens
sagt Manuel Lima und fragt sich, wie können wir heute durch Visualisierung d a s große Bild kreieren.
Immer schon gab es Menschen, die versuchten, zum besseren Verständnis Wissen
in Bilder zu übertragen. Der Philosoph R. Lullus kreierte 1515 Wissensbäume, die mit ihren Ästen, Blüten und Früchten das System des Wissens repräsentierten.
Dennis Diderot und d’ Alambert  veröffentlichten 1751 die „Enzyklopädie oder durchdachtes Lexikon der Wissenschaften, Künste, Gewerbe“, Descartes kartographierte das menschliche Gehirn und Darwin war überhaupt einer der wichtigsten Kartierer. Daten brauchen Kartierung und Visualisierung, sie müssen auf eine befriedigende Weise ästhetisch dargestellt werden.
Holismus oder Wholismus
Zeige ich alles oder nur ein begrenztes Feld, einen begrenzten Ausschnitt. Ein neues Verständnis entsteht durch eine neue Anordnung der Dinge. Die Welt wird gefiltert, etwas wird ausgefiltert und dadurch entsteht ein neues Bild.
Golan Levin, US, bringt Beispiele: Der Künstler Tim Hawkinson gestaltete eine Collage aus seinen Körperteilen, die er nicht sehen kann sowie ein Bild von allen
Zähnen des Künstlers. Mitarbeiter einer Firma, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, hatten die Aufgabe, handgezeichnete Bilder von Schafen zu erstellen.
Der ‚sheep market’ umfasst 10.000 handgezeichnete Schafe. Dann gibt es da
das Bild der Erde bei Licht, man sieht beleuchtete und unbeleuchtete Regionen. Dieses Bild, so Golan Levin, ist nur scheinbar neutral, es zeigt nämlich sehr deutlich, welche Nationen die meiste Energie verbrauchen. Alle da sind neue
Bilder der Wahrnehmung von der Welt.
Tsunagari
Das japanische Wort Tsunagari bedeutet Verbindung. Das Tsunagari Projekt ermöglicht jedem, die Verbindungen im Ecosystem der Erde zu verstehen. Es will Bewusstsein schaffen und unterschiedliche Interessengebiete miteinander verbinden. Entstanden ist dieses Projekt im Miraikan Institut in Tokyo, dem nationalen Museum of Emerging Science and Innovation. Dort entstand die erste interaktive Darstellung der Erde. GEOKOSMOS stellte die Erde im Raum dar, so wie sie vom Weltraum aus zu sehen ist- über 10 Millionen Pixel.
Erdbeobachtungsdaten werden visuell dargestellt. Ein neues System macht es möglich, die kugelförmige Erde flach zu zeigen. Maholo Uchida, Kuratorin und Ausstellungsentwicklerin am Miraikan: „Diese Landkarte ist das neue Bild des 21. Jahrhunderts.“
AUTHA- GRAPH
Angenommen  der Globus und eine flache Landkarte ließen sich miteinander verbinden. Ergebnis wäre ein weiteres neues Bild von der Erde, diesmal ohne all jene Verzerrungen, die alle Karten enthalten.
Der japanische Architekt Hajime Narukawa entwickelte eine Projektionsmethode, die
kugelig und flach verbindet.  Das Ganze sieht wie ein komplexes Spinnennetz aus,
nennt sich AUTHA-GRAPH und ist eine neue Weltkarte, die es u.a. ermöglicht, mehrere Karten übereinander zu legen und auf diese Weise einen komplexen Überblick über z.B. Internetnutzung auf der Erde und Alphabetisierung zu bekommen.
Mikro- und Makrowelten
„Wenn Sie alle Steine dieser Welt aufhäufen, dann ist das nichts  im Vergleich zu der Anzahl der anderen Galaxien, die es gibt“. Lisa Kaltenegger weiß wovon sie spricht.
Die Astrophysikerin und Astronomin zeigt eine Galaxie in Form einer Spriale, die das ganze Bild einnimmt. Unten links am Rand der Spirale ist ein kleiner Punkt  und erkennbar, YOU ARE HERE: das ist unser Sonnensystem. Es hat die Größe
eines Keks. Der US Astronom und Astrophysiker Carl Sagte von diesem Keks: „Jeder, der irgendwann einmal gelebt hat, hat auf diesem kleinen Punkt gelebt“
Über 800 Planeten haben wir bisher entdeckt, jedes Jahr verdoppelt sich die Zahl der Planeten, es gibt mehr als 2000 potentielle Kandidaten.
Der NASA Satellit Kepler hat 150.000  Sterne untersucht und entdeckte ein Vielfalt an Systemen, manche haben mit heißer, andere mit kalter Oberfläche. In
der Atmosphäre finden sich Informationen, die uns sagen, ob diese Systeme uns ähnlich sind oder nicht, ob Leben möglich ist. Lisa Kaltenegger geht davon aus, dass wir in den kommenden 10 – 15 Jahren wissen werden, ob es auf anderen Planeten Zeichen von Leben gibt. Für sie ist  das gesuchte Weltbild ein Puzzle, denn eine Puzzle setzt sich aus vielen Bildern zusammen.
Kunst und Wissenschaft
war ein weiterer Schwerpunkt des Symposiums „The Big Picture“.
Die DNA – unser Gesicht ?
Die DNA ist für uns etwas völlig Neues und wirft die Frage auf, soll unser ‚Gesicht’ zu sehen sein oder soll es im Verborgenen blieben, wollen wir die Geheimnisse
unseres genetischen Codes kennen oder soll dieser im Verborgenen bleiben?
Georg Church, ihm gelang 1984 die erste Genomentschlüsselung, berichtet vom Personal Genome Project. Freiwillige stellen sich mit ihrem genetischen Code sowie persönlichen Daten der Wissenschaft zur Verfügung. Es geht darum, genetische Sequenzierung in Zukunft leichter und billiger zu machen.
Naturgemäß sieht George Church die Risiken geringer als den Nutzen, denn, jeder Mensch könne sein genetisches Schicksal ändern. Er verweist auf Timothy Brown, der durch Austausch der Stammzellen der erste Mensch, ist der von HIV geheilt wurde. Die Stammzell-Therapie am Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin-Steglitz hat ihn mit einem Aids-Schutz versorgt. Sein Arzt Gero Hütter war auf die Idee gekommen, einen Stammzell-Spender mit einem veränderten CCR5-Gen zu suchen. Menschen mit einer solchen seltenen Mutation
sind vor HIV geschützt, weil der Erreger nicht in die Zellen eindringen kann.
Der menschliche Geist ist eine riesige Kathedrale mit tausenden Eingängen
sagt Joe Davis, Künstler, Forscher und Wissenschafter, der u.a. am Department of Biology am MIT arbeitet und er ergänzt “Wir alle sind Künstler und Wissenschafter.“
Er hat neue biologische Kunstformen entwickelt und zahlreiche nicht
kategorisierbare
Arbeiten zwischen Kunst und Wissenschaft realisiert. Er machte Experimente wie das Bakterium E.coli auf Jazz und Geräusche reagiert, nahm die vaginalen Kontraktionen von Tänzerinnen des Boston Ballet sowie anderer Frauen auf, setzte diese in Text, Musik, Sprache um und das Ergebnis davon in Radiosignale, die ein Richtung Sternensysteme wie Tau Ceti, Epsilon Eridani sendete und er steckte die Karte der Milchstrasse in das Ohr eines transgenen Maus. Dafür nahm er die Milchstrasse und reduzierte die Informationen zu einer Sequenz von 3.867 DNA Paaren. Bei der Ars Electronica bekam sein Bakterielles Radio den Preis in der Sparte Hybride Kunst. Ausgangspunkt ist die These: Wir
kommunizieren mit Bakterien und diese kommunizieren mit uns. Man muss ein Radio nicht an einen Stromkreis anschließen, sondern kann in der Petrischale gewachsene Bakterien verwenden. Vielleicht, so Joe Davis, kann man Fm Frequenzen in der Zukunft gar nicht mehr hören, denn die Zukunft wird den
lebenden Biomedien gehören. Sein nächster Schritt: Er möchte nicht mehr Bakterien verwenden, um ein Radio  zu konstruieren sondern das Radio direkt in der Zelle machen.
Joe Davis: „ Jede Form, jeder Buchstabe, jedes Bild ist ein Maß.
Kunst und Sprache sind mathematische Formeln.
Biologie ist auch eine mathematische Disziplin, d.h. der genetische Code kann
auch mathematisch ausgedrückt werden.
Kunst braucht neue Symbole.
Kunst ist die Sprache der Idee.
Trotz der Fragmentierung des Wissens, brauchen wir ein Generalwissen.“
Unsere nächsten Verwandten, die Androiden
Wir entwickeln Roboter, um zu verstehen, was es bedeutet Mensch zu sein“, sagt
Hiroshi Ishiguro, Künstler und Wissenschafter am Intelligent Robotics Laboratory am Department of Adaptive Machine Systems der Universität Osaka. Demnach müsste Hiroshi Ishiguro viel von Menschen verstehen, denn er hat sich auf die Interaktion zwischen Androiden und Menschen spezialisiert, er versucht
herauszufinden, wie menschenähnlich ein Roboter sein soll. Seine Antwort darauf: Eigentlich gar nicht.
Zu Beginn seiner androiden Konstruktionen war Ishiguro davon ausgegangen, dass eine möglichst menschenähnliche Gestalt von Vorteil wäre. Er entwickelte 2004 einen Roboter der Geschichten erzählt. Dieser Roboter sah aus wie ein echter japanischer Geschichtenerzähler. Geschichtenerzählen gilt in Japan als traditionelle Form der Unterhaltung. Dann ging er dazu über, Androiden als
Schaufensterpuppen zu gestalten. Das klappte gut, denn die Schaufensterfigur müsste kein Gespräch führen, sie sang ein Lied und erklärte dem Publikum, was es in der Mall kaufen könnte. Spracherkennung und Gesprächsführung gehören immer noch zu den ungelösten Problemen der Androiden.
Kaufen Sie sich keinen Porsche sondern  einen Androiden in ihrer Gestalt
dann haben Sie mehr vom Leben. Kostet nur 100.000 Dollar.
2009 entwarf Ishiguro einen Geminoiden, der Roboter sah aus wie ein real existierender Mensch, in diesem Fall wie Ishiguro selbst. Die Übertragung der Sprache erfolgte mit Lippenbewegungen. Ishiguro testete seinen künstlichen Zwilling in natürlicher Umgebung wie einem Lokal in Linz, in der Universität etc. und er stellte fest: Bei dem Versuch „ Chat and dinner with Geminoid“merkte die Hälfte der Besucher nicht, dass sie mit einem Androiden kommunizierten
Hiroshi Ishiguro:“ Natürlich hat ein Android kein Gehirn, aber es ist noch
niemand darauf gekommen.“ An der Universität wird der Geminoid eingesetzt, weil „ die sich den echten Ishiguro nicht leisten können.“ daraus schließt der echte Ishiguro: „Wenn ich alt bin und im Spital liege, wird mein Android an der Universität noch immer Vorträge halten.“
Das Telenoid
ist Ishiguros jüngste Kreation und kommt seiner Vorstellung von einem Androiden nahe, denn eine menschenähnliche Gestalt ist nicht mehr wirklich auszunehmen.
Androiden brauchen nicht menschenähnlich sein, im Gegenteil. Denn wir kommunizieren über unsere Vorstellung von einer Person. Daher reicht ein minimales Design aus, um maximale Wirkung zu erzielen, es geht um die Darstellung, die Verkörperung einer Idee.
Das Telenoid  ist so ein Geschöpf mit minimalen Design, eine Art Puppe mit  ‚nacktem’ Gesicht. Ishiguro denkt an den konkreten Einsatz des Telenoids bei alten Menschen, die oft allein leben und sich einsam fühlen. In solchen Situationen hilft es ihnen, das Telenoid zu umarmen und mit diesem  zu sprechen, ähnlich wie kleine Kinder abends mit ihrem Teddybären sprechen. Die
künstlichen Geschöpfe brauchen nicht wirklich ein Gesicht, denn so Ishiguro „ wenn man jemanden umarmt, sieht man ja auch nicht sein Gesicht.“
Das Telenoid, das sich in Dänemark in Altenheimen in der Testphase befindet, wurde inzwischen weiter entwickelt.
Hugvie,
die neue Version ist ein buntes Kissen in menschenähnlicher Form etwa  85 Zentimeter, 56 Zentimeter breit und 21 Zentimeter dick. In seinem Inneren verbergen sich zwei Vibrationsmotoren, die eine Art Herzschlag erzeugen. Konzipiert ist Hugvie als Kommunikationsgerät. Es hat eine kleine Tasche, in die
der Nutzer sein Mobiltelefon steckt. Während er telefoniert, soll er mit Hugvie kuscheln und dadurch ein Gefühl besonderer Nähe mit seinem Telefonpartner vermittelt  bekommen. Der nächste Schritt wird sein, das Telenoid auf Handygröße zu verkleinern.
Frage aus dem Publikum: Viele Menschen finden derartige Konstruktionen umheimlich, ist es nicht so, dass Androide immer noch unheimlich wirken?
Hiroshi Ishiguro versteht den Sinn der Frage nicht so ganz. „Unheimlich…ja ,aber das ist wichtig, denn man muss ja zwischen Mensch und Androiden unterscheiden
können. Alte Menschen fürchten sich z.B. keineswegs vor diesen Robotern, die auf jüngere unheimlich wirken.“
www.aec.at/thebigpicture

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