Altern als Lust

„Wir Älteren sind die Chance dieser Republik“, formulierte Henning Scherf (SPD). Bremens Ex-Bürgermeister ist ein Paradefall für das, was sich schon seit Jahren abzeichnet: anstelle des Defizitmodells vom Alter die Potentiale dieser Lebensphase zu betonen.
Henning Scherf, 73, macht alles, was vom Vorzeige-Oldie heute erwartet wird: er hält sich fit durch Radfahren, ist Langstreckenläufer, liebt Paddelbootfahrten, achtet auf seine Gesundheit, arbeitet mit seiner Frau ehrenamtlich bei pan y arte, einem Kulturprojekt in Nicaragua. Er ist Präsident vom Chorverband Bremen, singt in diesem Chor. Er betreut seine Enkelkinder, hat vor kurzen mit Orgelspielen begonnen sowie seine Aquarelle ausgestellt. Er und seine Frau leben in einem Wohnmodellprojekt, in dem alle BewohnerInnen die Sicherheit haben, dass sie im Alter gut versorgt werden. Kurz, Henning Scherf lebt ein volles Leben, das er weder als Ruhe-noch als Unruhestand bezeichnen will
Weder Ruhestand noch Unruhestand
„Unruhestand klingt als hätte man nicht alle Tassen im Schrank. Ruhestand als hätte man seine Aktivitäten eingestellt. Mir gefällt beides nicht. Wir, die schon einige Jahre in Pension sind, haben ganz viel im Kopf, wollen ganz viel und sind fit. Wir wollen von niemandem, ob alt oder jung, in eine Ecke geschoben werden.“
Und Henning Scherf auf die Frage worin er die Vorteile des Älterwerdens sieht:
„Wir bringen Lebenserfahrung mit und sind hoch qualifiziert. Wir begreifen das, was uns verbleibt, als Chance. Wir haben ja traumhafte Bedingungen, unter denen wir ein spannendes Leben fortführen dürfen, oder aber erst beginnen.“
Henning Scherf steht für die andere Seite des Bildes, in der auf die Potentiale der Älteren verwiesen wird. Alter nicht als Last sondern als Lust.
Es sind vor allem Werbung, Tourismusindustrie und Wirtschaft, die sich mehr und mehr für die Silver Consumer interessieren. Denn über 50 ist die Kaufkraft am größten. Die 50 bis 59-Jährigen verfügen über ein höheres Einkaufsbudget als die umworbenen 20 bis 49-Jährigen.
Der gute Oldie
Kaum eine Broschüre über „aktives Älterwerden“, die ohne Rad fahrende, bergsteigende, schwimmende, auf der bunten Wiese sitzende, den PC bedienende Menschen auskommt: die Männer in der Regel mit quer gestreiften T Shirt oder flott den Pullover über die Schultern gelegt, die Frauen ebenfalls sportlich gekleidet. Und alle lächeln. Es lächeln die im Seniorenwohnheim, die im Rollstuhl, die im Schwimmbad, im Bett, in der Küche, unterm Riesenrad, beim Tanzen. Alle lächeln, sehen gesund und sportlich aus. Das müssen sie auch, denn sie sind Role Models dafür, dass nur der/die aktive SeniorIn ein guter Oldie ist.
Der Vorzeigeoldie setzt sich keinem chronischen Stress aus, besucht regelmäßig das Fitness Center, turnt im Park am SeniorInnenspielplatz, dem Bewegungsparcours, er/sie wandert oder macht lange Spaziergänge.
Der gute Oldie ernährt sich von wenig Fleisch, dafür konsumiert er viel Gemüse, Fisch (Omega 3), Wild, Nüsse, Hülsenfrüchte und Obst, vor allem Blaubeeren sind empfehlenswert. Er darf, ja muss sogar, ein Gläschen Rotwein trinken, drei Tassen Cafe pro Tag sollen angeblich Demenz hinauszögern. Ein Oldie, der weiß, was sich gehört, legt eine Pflegegeldversicherung an (geht auch noch über 50), löst Kreuzworträtsel oder Sudoko, singt oder musiziert, lernt eine neue Sprache oder den PC kennen, engagiert sich ehrenamtlich, betreut die Enkelkinder, genießt Reiseabenteuer und insgesamt die gewonnenen Jahre.
Anregung oder Verhaltensdiktatur ?
Was dagegen zu sagen ist. Nichts, absolut nichts. Alles sinnvoll, vernünftig, aufbauend, vorbeugend so es nicht zum gesellschaftlichen
Terror wird und als alleiniges Bild stehen bleibt, das aussagt: Alter ist ein einziges Vergnügen, in dem alle jede Minute ihres Lebens Spaß haben. So wie das Defizitmodell ist auch dieses produktivitätsorientierte positive Modell einseitig ausgerichtet. Was, wenn jemand nicht „aktiv altern“ kann oder will? Wird er dann mit Entzug der Pensionszahlung oder der Gesundheitsversorgung gestraft?
Kann ein zu positives Altersbild nicht auch „schädlich“ sein, indem es bei all jenen Schuldgefühle hervorruft, die keine Vorzeigeoldies sein wollen oder können?
Sollten wir nicht Altersbilder entwerfen, die sich nicht nur an einem jugendlichen Aussehen orientieren und trotzdem Altern nicht negativ konstruieren, die diesen Lebensprozess aber auch nicht glorifizieren und in die Falle des Exotismus tappen:
„Je älter das Modell, desto besser“
ist die Devise von Ari Seth Cohen. Der 29-Jährige fotografiert mit Vorliebe interessant gekleidete Menschen, die ihm auf den Straßen New Yorks begegnen, darunter viele 70, 80, 90-Jährige. Cohen schätzt an den ProtagonistInnen seines Blogs deren buntes farbenfrohes Auftreten, dass sie sich nicht um gängige Mode kümmern sondern ihren eigenen Stil vertreten.
Grüne Schuhe zu pinkfarbenen Leggins, rote Schlapphüte und exzessiv gemusterte Jacken. Altern als Lust.
Beigefarbenen Mäntel, braunen Pullmannkappen und breite Gesundheitssandalen. Altern als Last.
Wofür entscheiden wir uns?
Natürlich liegt die Wahrheit, wie immer, irgendwo dazwischen. Das Leben ist eine Wellenbewegung mit Höhen, Tiefen, Ruhephasen, Scheitern und Erfolgen. Das trifft auf Kinder, Jugendliche, Mittelalterliche und Alte zu.
Für Dr. Heinz Rüegger, Theologe und Gerontologe findet derzeit ein Paradigmenwechsel statt: von AntiAging zu ProAging. Er plädiert für
eine Lebenskunst des Alterns. Bei dieser Lebenskunst geht es nicht um ein verharmlosendes Loblied auf das Alter. Es gilt das Alter mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Chancen und Grenzen bewusst zu bejahen, selbstbewusst zu leben, möglichst eigenverantwortlich zu gestalten und Alter-Generativität im Auge zu haben. Eigene Fähigkeiten und Ressourcen zum Wohl des größeren sozialen und gesellschaftlichen Ganzen einzusetzen. Zu dieser Lebenskunst des Alter(n)s gehört auch eine verstärkte Offenheit für die Erfahrung von Passivität als Grunddimension des menschlichen Lebens: die Ars moriendi, die Kunst, sich anfreunden mit der Endlichkeit des Lebens.
Der Sechste deutsche Altenbericht “Eine neue Kultur des Alterns“, November 2010, formuliert Ähnliches. Gleich zu Beginn heißt es:
„In einer Gesellschaft des langen Lebens sind sowohl die Entwicklung und Entfaltung von Potentialen des Alters als auch der Umgang mit Grenzsituationen des Alters zentrale Aufgaben.“
Grenzsituationen
Genauso ist es. Wir können zehn neue Sprachen lernen, intensiv Sport betreiben, unsere sozialen Netze pflegen, sämtliche Gelenkskapseln, Ginsengpräparate, Hirschzungenliköre, Medikamente und Vitaminpillen schlucken, irgendwann werden alle unsere Freunde verstorben, die Gelenke abgenutzt sein, irgendwann werden wir in jene Zone eintreten, die wir so fürchten, die Zone in der wir ohne Hilfe nicht über den Tag oder auch die Nacht kommen. Irgendwann treten wir in den Grenzbereich Sterben und Tod ein. Vielleicht lernen wir dann, wenn wir es nicht schon früher erlebt haben, wie unendlich zerbrechlich und verwundbar wir Menschen sind, jede/r  Einzelne von uns. Vielleicht sollten wir jetzt schon über die Aussage der österreichisch/amerikanischen Historikerin Gerda Lerner nachdenken, die in einem Interview für die Zeitschrift L’HOMME sagte:
„In unserer Wettbewerbsgesellschaft trainiert man die Menschen unabhängig und „ self-made zu sein. Aber man muss auch wissen, wie man anderen helfen kann und wie man Hilfe annehmen kann, ohne sich geringer zu fühlen…“
und weiter heißt es:
“auch die Kranken und Behinderten können jüngeren Menschen dadurch helfen, dass sie diese lehren, wie man Hilfe annimmt.“ (10)
Aber noch gibt es ja für uns alle ein Leben vor dem Tod und diese „gewonnen Jahren“ gilt es, gut zu gestalten. Dieses gut bedeutet naturgemäß für jeden etwas anderes. Inzwischen ist es Common Sense, dass Ältere als eine heterogene Gruppe anzusehen sind, ebenso wie Jugendliche und Vierzigjährige. Biodiversität ist angesagt, also die Vielfalt anzuerkennen und zu fördern.
„Das Alter verdient eine neue Betrachtung“,
heißt es im Sechsten deutschen Altenbericht. Wie wahr. Der Doyen der österreichischen Altersforschung Prof. Leopold Rosenmayr propagiert diese These schon seit Jahrzehnten.
„Das Leben ist sicherlich nur bedingt steuerbar und das Altern an sich, meine ich, ist nicht im vollen Sinn gestaltbar. Aber das Handeln ist gestalt gebend und es vermag den Alterungsprozess zu beeinflussen und zu modifizieren.Früher sprachen wir in der Gerontologie von der Formung des Alterns. Es ist heute wichtiger, von der Formung, von der Gestaltung des Lebens und von den Ressourcen für diese Gestaltung zu sprechen. Gestalten bedeutet, dem subjektiven Leben objektive Inhalte zu geben.“

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