Altern als Last

Juli 24th, 2012 | No Comments | Posted in Europa, Featured Articles, News
Dieses Bild entsteht in unseren Köpfen bei Berichten über „die tickende demographische Zeitbombe“, „das Langlebigkeitsrisiko“, „die Seniorenlawine“, „die Rentnerdiktatur“, „das Schreckgespenst Überalterung“, „die Kosten der alternden Gesellschaft“.
Bezeichnungen die nicht nur alters diskriminierend sondern auch schlicht und einfach falsch sind. Es gibt keine alternde Gesellschaft, weil nicht die Gesellschaft älter wird, sondern immer mehr einzelne Menschen immer länger leben. Die Erhöhung der Lebenserwartung ist ein Produkt der kulturellen nicht der biologischen Evolution.
Worst- Case Szenarien
Die Freude an dieser Entwicklung scheint sich in Grenzen zu halten, denn in regelmäßigen Abständen lassen uns Experten wissen, dass wir von worst case Szenarien bedroht sind.
Ziga Turk, Generalsekretär des EU Weisenrates, sieht in der steigenden Lebenserwartung und ‚Überalterung’ eine Gefahr. Er, der an einer langfristigen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Strategie für die Europäische Union mitarbeitet, meint, Europa drohe zu „einem Kontinent der grantigen alten Männer und Frauen“ zu werden. (August 2010 Wr.Ztg)
Leslie Lipschitz, Direktor des „International Monetary Fund Institute“ beim IWF, dem Internat. Währungsfond warnte vor der „alternden Gesellschaft “in Europa. Die demographische Entwicklung werde den europäischen Staaten in den kommenden Jahrzehnten deutlich höhere Kosten bescheren als die jüngste Wirtschafts -und Finanzkrise – wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert werde. (Europ. Forum Alpbach 2011).
Wohlstand bringt Sicherheit
Keine Frage, es ist sinnvoll und notwendig, rechtzeitig Entscheidungen zu treffen, um das zukünftige unausgeglichene Verhältnis zwischen arbeitender Bevölkerung und jener im so genannten „Ruhestand“ in Balance zu bringen. Aber warum wird diese Entwicklung immer nur nahezu ausschließlich als Bedrohungsszenario einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft skizziert? Warum nicht die Entwicklung von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten?.
Prof. Wolfgang Lutz vom Wittgenstein Center für Demography and Global Human Capital kann sich vorstellen, dass das Schrumpfen einer Gesellschaft auch in Wohlstand erfolgen kann.
Keine Frage, Ende des Jahrhunderts werden über 40% der Gesamtbevölkerung älter als achtzig Jahre alt sein 80 .ABER , so der österreichische Demograph, wir sollten im Auge behalten, dass es nicht nur um Zahlen gehe wie eine Gesellschaft wächst, sondern auch um Bildung und Gesundheit. Bessere Bildung ist d e r  entscheidende  Faktor für das Wirtschaftswachstum. Gebildete Menschen leben zwar länger, aber sie sind  gesünder und gehen später in Pension(Leben und arbeiten in alternden Gesellschaften“( Bmvit Juni 2010)
Warum also erfreuen wir uns nicht an dieser kulturellen Leistung, dass wir- zumindest in Europa- die Chance auf ein langes Leben haben? Warum überwiegen in unseren Herzen und Köpfen satte Vorurteile und alters diskriminierende Ansichten?
Die Alten leben auf Kosten der Jungen.
Dieses gerne und häufig verwendetes Sujet unterstellt: „Junge werden um Lebenschancen betrogen“.
Und als Beispiel folgt die Forderung, der Staat, die Politik müsse sich endlich entscheiden, entweder man investiere in die Bildung der Jungen oder man beuge sich vor den Pensionsforderungen der Alten. Tatsächlich? Gibt es kein anderes Szenario, um die von uns allen eingezahlten Steuern sinnvoll und gerecht zu verteilen, eine Option jenseits von Entweder Oder?
„Warum ist uns die Generationenlüge nie aufgefallen“ fragt sich ein junger Autor, nachdem er gelesen hat, dass der Staat 2009 für Pensionszahlungen mehr Geld als für Schulen und Universitäten ausgegeben hat.
Der Generationenvertrag werde einseitig ausgelegt, beklagt eine Filmemacherin. Zivildiener helfen zum Großteil alten Menschen während von den Pensionisten nicht zu hören sei, dass sie eine qualifizierte Ausbildung der Jugend unterstützten. „Anscheinend fahren sie lieber nach Mallorca oder ins Thermenhotel, statt sich für die Belange ihrer Kinder und Enkel stark zu machen“.
Da sind sie wieder die Mallorca Rentner, die gierigen Vampire, die grauhaarigen Gruftis. Eine neue Form der Diskriminierung, genannt Ageismus.
„Auch Touristen sollen sehen, dass es in einer Stadt nicht nur Grauhaarige gibt“.
„Eine Partei mit hässlichen alten Leuten wird nicht wahrgenommen“.
„Unser Publikum ist so alt wie die Galapagos Schildkröten“.
„Die Seniorenvertreter stehen wie eine Mauer. Es heißt: Alles mir und sofort – und die nächsten sollen zahlen“.
Altersdiskriminierung
Angenommen, wir ersetzen Worte wie Grauhaarige, hässliche alte Leute, alte Menschen, Seniorenvertreter, Pensionisten, Alte mit Worten wie Ausländer, Schwarze, Juden, Frauen. Kaum jemand, der demokratiepolitisch ernst genommen werden möchte, würde dann diese Sätze öffentlich aussprechen können ohne als ausländerfeindlich, rechtsradikal, frauenfeindlich oder antisemitisch bezeichnet zu werden.
„Die übliche Altersdiskriminierung ist die letzte der Diskriminierungen, nach den sexuellen, rassistischen und religiösen Formen“ scheibt die Kunstwissenschafterin Hanna Gagel in ihrem Buch „So viel Energie“.“Der Trugschluss, dass körperliche Schwäche im Alter selbstverständlich auf geistige Schwäche schließen lasse, bedroht und untergräbt das Selbstwertgefühl älter werdender Erwachsener“. Hanna Gagel bezeichnet sich selbst als Spätentwicklerin. Sie kam erst mit 50 an die Universität und schrieb mit 60 ihr erstes Buch über das Potential älter werdender Künstlerinnen.
Angst vor grauen Haaren
Was steht nun hinter diesem verbalen Ageism, diesem Vorurteil gegen einen Menschen wegen seines/ihres Alters ausgedrückt durch Sprache: Vermutlich Angst,Dummheit, der Hang zu simplen Schuldzuschreibungen sowie eine provinzielle, unreflektierte Wahrnehmung vom Leben und der Welt. Angst mag das am leichtesten greifbare Motiv sein. Die Angst der leichtfertig Dahinplaudernden vor ihrer eigenen zukünftigen Gebrechlichkeit und Bedürftigkeit. Denn auch sie, die Zwanzig- dreißig, -vierzig- fünfzigjährigen werden alt – außer sie sterben„rechtzeitig“.
Solange Diskussionen über die „demographische Zeitbombe“ auf die Hochbetagten deren Pflegebedürftigkeit und die steigenden Pflegekosten reduziert wurden, hat man „ die jungen Alten“ toleriert. Nun sind auch sie zum Feindbild geworden. Was immer sie tun, sie können es niemanden recht machen. Gehen sie mit Nordic-Walking Stöcken wandern, melden sie sich zu Gymnastikkursen an, bezeichnet man sie als „topfitte Zombies“. Werden sie, mit oder ohne Golden Handshake, aus dem Arbeitsprozess hinaus gedrängt, rechnet man sie zu den „ Weltmeistern bei den Frühpensionen“. Kein Wunder wenn dann ihr jeweiliges Land als Pensionisten Eldorado gilt. Wollen sie in der Pension weiterarbeiten, lässt man sie wissen, dass sie dadurch den Jungen die Jobs wegnehmen, dass es Zeit wäre, endgültig abzutreten. Suchen sie sich nach der Pension nicht gleich ein Tätigkeitsfeld, selbstverständlich unter- oder unbezahlt, werden sie als Parasiten angesehen, denen die jungen Berufstätigen „ihr langes Leben im Ausgedinge finanzieren“.
Dabei gibt es keine wissenschaftlich klare Evidenz für das Vorurteil, Ältere seien weniger produktiv als Jüngere. Die Bremer Wissenschafterin Prof. Ursula M. Staudinger hält auch nichts von dem Vorurteil, dass die Älteren den Jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen „ das ist logisch falsch und empirisch falsch“. Begründung: Theoretisch müsste es weniger Arbeitslose geben, wenn es mehr PensionistInnen gibt, aber in der Realität ist das nicht der Fall. Und damit wird auch der moralische Unterton in Frage gestellt, dass eine Gesellschaft, die der Alten, auf Kosten einer anderen, die der Jungen, lebt. Nicht berücksichtigt wird bei dem so genannten Generationenkonflikt, dass zivilgesellschaftliche Engagement der Älteren meint Ursula Staudinger. Ca 70% der Älteren in Deutschland arbeiten freiwillig, ehrenamtlich. Und sie geben sehr wohl soziale Unterstützung an die Jüngeren. Erst bei den über 80 jährigen, so Staudinger, zeigt sich, dass Ältere mehr Unterstützung brauchen als sie geben können.
Bleibt zu hoffen, dass der Vorschlag des französischen Autors Michel Houellebecq nicht wirklich aufgegriffen wird. In einem Interview mit der Zeit( 2000) meinte er:
Im Moment scheint die beste Lösung zu sein, dass man die Leute ab einem bestimmten Alter einfach tötet. Aber das ist Science-Fiction. Im Moment muss man sich darauf beschränken, sie zu verstecken“. Der für seine provokanten Aussagen bekannte Erfolgsautor steht dem eigenen Alter  ablehnend gegenüber: “Man hat keine Wahl. Man wird altern. Das hindert mich aber nicht, diesen Naturprozess zu missbilligen“.

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