Plötzlich und unerwartet

“Wir hoffen alle, es möge nie geschehen, aber plötzlich und unerwartet ist man in einer neuen Lebensituation.” Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger,weist bei der 2. Jahreskonferenz am 12. Juni darauf hin, dass das Risiko Pflegefall jeden Menschen jederzeit treffen kann.Derzeit pflegen Hunderttausende in Österreich ein Familienmitglied. Eine schwierige, vielschichtige, fordernde Aufgabe, die oft Jahre dauern kann.

Pflegen, das kann nicht jeder

davon ist die Expertin für Pflegewissenschaft Univ.-Prof. Elisabeth Seidl fest überzeugt. Man muss das Ausmaß der Belastung selbst erleben, um zu wissen, wie das ist, wenn man nicht sagen kann, ob man am nächsten Tag aus dem Haus gehen wird können. Was den pflegenden Angehörigen derzeit fehlt, abgesehen von finanzieller und infrastruktureller Unterstützung, ist ANERKENNUNG. Geht es den pflegenden Angehörigen oder dem Pflegepersonal im Heim gut, dann geht es auch den Kranken gut.

Best Practise Modelle

In Schweden, betont Elisabeth Seidl, ist es ein anerkanntes gesellschaftliches Anliegen, dass ältere Menschen zu hause alt werden können und die Unterstützung der Angehörigen ist ein Leitprinzip, das von der Regierung eingefordert wird. In Dänemark wird die 24 Stunden Betreuung von den Steuern bezahlt und anstelle großer Heime entstehen kleinere Betreuungseinrichtungen. In der Schweiz gibt es ein Altersheim für drei Monate. Ältere Menschen werden in diesem Zeitraum so mobilisiert, dass sie danach wieder nach Hause gehen und dort wohnen können.

Auch demente Menschen haben Ressourcen

meinte Gerald Gatterer, leitender Psychologe im Geriatriezentrum Am Wienerwald.

Auf die Frage, wie kann jemand mit Demenz positiv altern, hat er eine einfache Antwort: so wie wir, indem diese Menschen die Möglichkeit bekommen, das zu tun, was sie wollen.

Defizitmodell- Nein,Danke

Schon lange gilt es, den Prozess des Älterwerdens nicht als Defizit zu interpretieren und zu beklagen, sondern die Potentiale und Möglichkeiten zu sehen. Auch bei der Behandlung an Demenz erkrankter Menschen hat das Defizitmodell ausgedient.

Unterstützung statt Behandlung

Demenzkranke, so Gerald Gatterer, wollen das, was auch so genannte normale Menschen wollen: essen, trinken, Liebe, Zärtlichkeit, Glück. Glücklich ist jemand dann, wenn er/sie das machen kann, was er/sie immer gerne gemacht hat und das gilt auch für Demenzerkrankte. Wir sollten nie aus den Augen verlieren, dass Demenzerkrankte Individuen sind wie andere Menschen auch.

Lebensqualität : Gesundheitsbegriff

Frau R. berichtet: Sie pflegt ihre einundneunzigjährige Mutter, achtet darauf, dass die Mutter gesund isst, also Gemüse und Obst zu sich nimmt. Aber die Mutter weigert sich, sie mag nur Yoghurt und Käsestangerl. Was soll ich machen, fragt Frau R., ich kann ja nicht zusehen, wenn sich meine Mutter ungesund ernährt, ich muss sie zwingen, etwas Gesundes zu essen. Gleichzeitig ist ihr bewußt, dass dieser Zwang, den sie ausübt,  eine Art Gewaltmaßnahme ist, denn niemand würde einen jüngeren Menschen zwingen, etwas zu essen, was dieser nicht möchte.

Der Konflikt lautet: Angehörige werden für das Wohlergehen der Älteren verantwortlich gemacht, gleichzeitig sollen sie diesen aber die Freiheit der Entscheidung lassen. Ein nahezu unlösbarer Konflikt, ein täglicher Balanceakt, bei dem Betreuung, Pflege, Sorge immer wieder neu definiert werden muss.

Lebensqualität geht oft nicht konform mit dem Gesundheitsbegriff meint Gerald Gatterer.

Aus positiver Sorge kann leicht Druck werden und Druck kann in Aggression münden

sagt Claudia Gröschel- Gregoritsch vom Österreichischen Roten Kreuz. Ja es gibt sie die Gewalt gegen ältere Menschen, die zu hause von ihren Angehörigen gepflegt werden. Beim Roten Kreuz weiß man davon, da die mobilen Dienste Einblick in familiäre Situationen bekommen. Es gibt viele Formen von Gewalt und die pflegenden Angehörigen wagen nur selten über ihre Aggressionen mit jemanden zu sprechen. Auch hier geht es um eine permanente Gradwanderung, um ein permanentes Austarieren zwischen den eigenen Ansprüchen und den Ansprüchen der Pflegebedürftigen.

2. Jahreskonferenz der Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger

am 12. Juni 2012 in Wien , Forum Mozartplatz

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