Ein Leben lang lernen

von Alexandra Beirer.
Lernen und das ein Leben lang. Nein, Danke! Warum eigentlich nicht?
Kann es sein, dass wir, wenn wir an lernen denken, an bildungsinstitutionelle Lehr-/Lernprozesse (Curricula) denken, die uns nicht immer positiv in Erinnerung sind und wir eigentlich ganz froh darüber sind, nicht mehr lernen zu müssen?
Woher kommt diese Ablehnung:
Franz Kolland, Leiter des Ludwig-Bolzmann-Institutes für Sozialgerontologie und Lebenslaufforschung, kennt mögliche Gründe für die geringe Anteilnahme Älterer an organisierten Bildungsprozessen:
• Die heute Älteren haben früh das Bildungssystem verlassen und ungünstige Schulerfahrungen mindern das Interesse, an Bildungsprozessen teilzunehmen.
• Ältere fühlen sich oft zu alt, um noch etwas zu lernen.
• Das Lernen wird als gesellschaftlicher Zwang und als soziale Zumutung gedeutet.[1]
Lernen im Alltag
Aber wir lernen nicht nur in Bildungsinstitutionen (formales, non-formales Lernen) sondern auch im alltäglichen Leben (informelles Lernen).
Dies ist bedingt durch gegenwärtige bzw. künftige gesellschaftliche, technologische, politische, wirtschaftliche, medizinische etc. Entwicklungen (demographischer Wandel, Globalisierung, Internet, Klimawandel, Prothetik usw.) und Fortschritte (Erfindungen, Entdeckungen).
Up to date
Um auf dem Laufenden, also up to date zu sein, sind ein Befassen und eine Auseinadersetzung mit den aktuellen Geschehnissen und Informationen unvermeidlich. Und wer dies tut, der lernt. Des Weiteren lernen Menschen solange sie leben, weil das Leben untrennbar mit Lernen verbunden ist.[2]
Lernen ist menschlich
Daher betrachte ich das lebenslange Lernen in Verbindung mit der Begriffstriade Sozialisation – Bildung – Erziehung[3],
und ich begreife das Lernen nicht als Zwang zum Lernen noch als eine „objektive und subjektive Unfertigkeit des Menschen im 21. Jahrhundert“[4].
Das Lernen an sich ist eine menschliche Fähigkeit („homo discens“[5]  und wenn der Mensch lernt, dann bildet er sich unabhängig davon, ob gewollt oder nicht gewollt.
Bonsai-Bildung, nein Danke!
Bildung im fortgeschrittenen Alter orientiert sich nicht an kalendarisch maßgeschneiderten Bildungskonzepten für die Plus-Generationen (35+, 40+, 45+, 50+, 55+ …), die sich interessanterweise in fünf Jahresschritten unterteilt und zeigt eine Aversion gegen die Bonsai-
Bildung©, die als Metapher[6]  für das Zurechtstutzen (Formgestaltung) der beim Bildungsprozess auftauchenden beziehungsweise entstehenden Gedankengänge steht und für die
Formung (Normierung) nach einem vorkonzipierten, vorgefertigten Abbild (Bildungsideal). Oder, um es mit Michel Foucault zu sagen: Es geht darum „nicht dermaßen regiert zu werden“[7].
Selbstbestimmung, ja Bitte
Es gilt das Paradigma: Alles ist möglich (selbst wenn wir wissen, dass dem nicht immer so ist) mit der Akzeptanz von Widersprüchlichkeiten und Vielfachwahrheiten die Kennzeichen der Postmoderne, wobei der alte Mensch nicht mehr nur Objekt, sondern auch Subjekt seiner eigenen Entwicklung ist.
Er ist Akteur in der Gestaltung seiner Lebensentwürfe und bestimmt und formt seine Realität mit. Vielfältige Suchbewegungen auf einem breiten Feld der Möglichkeiten sind die Folge. Der selbst bestimmte Altersentwurf ist nicht nur Aufgabe des Subjektes, es ergibt sich daraus eine Notwendigkeit, ja geradezu ein (positiver) Zwang zur bewussten Mitwirkung an der Definition der eigenen Position und Funktion, aber auch der kulturellen Situation, die von den Alten mitgestaltet wird[8].
Vielfalt statt Einfalt
Dabei geht es um die Bildung von Alterskulturen, nämlich einer Vielfalt von Alterskulturen, die die damit verbundenen Schwierigkeiten der Konstituierung einer Einheits-Alterskultur überwinden[9].
Für diese Entwicklung bedarf es einer kulturellen Alterskompetenz, deren Voraussetzung Bildung, Information und Wissen ist[10]. Und weiter noch: „Es ist die Befreiung von gesellschaftlichen Erwartungen und Bestimmungen [Pygmalion-Effekt und/oder Selffulfilling
Prophecy], wie Alter zu sein habe, bis hin zur letzten existentiellen Frage, welchen Sinn Alter habe und der gesellschaftlich und politisch geprägten Vorstellung, wie ein sinnerfülltes Leben im Alter auszusehen habe.“[11]  Diese letzte existentielle Frage formuliert Leopold Rosenmayr in aller Kürze so: „Mein ,Sinn’ ist nicht dein ,Sinn’“[12].
Damit ist alles gegen eine fremdbestimmte Vorstellung von einem sinnerfüllten Leben im Alter gesagt.
Ein lebenslanger Prozess
Das lebenslange Lernen versteht sich hierbei nicht als objektiver und/oder subjektiver Zwang zum Lernen noch als eine objektive und subjektive Unfertigkeit des Menschen im 21. Jahrhundert, sondern begreift sich als Prozess der Neuorientierung oder Umorientierung in der dritten (vierten) Lebensphase oder beim Übergang in die dritte (vierte) Lebensphase, um sich individuell und/oder gesellschaftlich „neu“ (anders) zu positionieren.
Die eigene Person
Die dahingehend ausgerichtete Performance „[N]icht nur das Selbstbild und die nach außen getragene Selbstdarstellung einer Person, sondern auch deren Bemühungen zur Gestaltung und Veränderung eben dieses nach innen und außen präsentierten Bildes von der eigenen
Person.“[13] nimmt im Modernisierungsprozess einen besonderen Stellenwert ein, weil sie einerseits nach einer Selbstvermarktung und nach einer Selbstgestaltung der eigenen Biographie verlangt und andererseits die Selbstvermarktung wie Selbstbiographisierung einfordert.
Beide, Selbstvermarktung wie Selbstbiographisierung, werden immer mehr und mehr zur Voraussetzung und Notwendigkeit für ein erfolgreiches Handeln in einer individualisierten Gesellschaft[14].
D.h. Seniorenstudentinnen und Seniorenstudenten können
aufgrund der Autopoiesis (Selbst-Tätigkeit)[15]  ihren Wünschen, Interessen und/oder Bedürfnissen nachgehen. Und zwar weder im Sinne
einer Larifari-Aktivität noch im Sinne einer Bonsai-Bildung©, sondern mit ganz konkreten und ernsthaften Absichten inklusive der individuellen Orientierung den eigenen Wünschen, Interessen und/oder Bedürfnissen auf den Grund zu gehen, offen zu sein für Experimente und die Bereitschaft zur Interdisziplinarität und Transdisziplinarität (das Arbeiten in und mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen).
Was also meint ein Studium für SeniorInnen?
Dahingehend definiere ich ein Seniorenstudium, das mit den bisherigen
traditionellen Curricula und Paradigmen für Seniorenstudien bricht, wie folgt:
„Ein Seniorenstudium in Anlehnung an die Postmoderne ist ein plurales und heterogenes dynamisches Gefüge, bestehend aus allen partizipierenden Personen, die an einem Seniorenstudium mitwirken
und den Räumen (Heterotopien), wo sich Fragende beziehungsweise in Frage Stellende und Antwortende zum Diskurs treffen, dessen Grundlage die Wissenschaftlichkeit inklusive all ihrer Irrtümer ist, wissend um die Konstruktion der Wirklichkeit und der subjektiven Erkenntnis“[16].
Es ist das Wissen um das Wissen, worum es geht.
Es geht nicht darum, ein Seniorenstudium in den UNI-Alltag zu integrieren[17]  oder um eine Ghettoisierung[18] noch um
eine Institutionalisierung sondern um eine spezifische Organisation, in der sich partizipierende Personen, die an einem Seniorenstudium mitwirken, zum gemeinsamen Lernen organisieren. Ein Seniorenstudium findet sich immer dort, wo es um Fragestellungen und deren Antwort im Sinne der Wissenschaftlichkeit geht, ohne dabei einen Standpunkt erobern zu wollen, der sich sodann ohnehin einer Verteidigung ausgesetzt sieht.
Keine Pädagogisierung des Alters
Ein Seniorenstudium ist weder gratis (kostenlos) noch umsonst (sinnlos) und vor allem keine Alterserziehung! Um eine genauere Vorstellung davon zugeben, was ich unter einem Seniorenstudium verstehe, in dem der lernende Mensch (forschendes Lernen[19]) mit seinen Wünschen, Interessen und/oder Bedürfnissen im Mittelpunkt steht, verweise ich auf die Verfilmung des Dramas „Lorenzos ÖL“[20]  nach einer wahren Begebenheit.
Ein solches Seniorenstudium richtet sich an Menschen,
• die sich in der dritten (vierten) Lebensphase oder beim Übergang in die dritte (vierte) Lebensphase befinden und den Ruhestand nicht als RUHE-STAND begreifen.
• die ihren Wünschen, Interessen und/oder Bedürfnissen nachgehen und sich bilden wollen (keine berufliche/betriebliche Aus-/Fort-/Um-/ Weiterbildung).
• die sich gesellschaftlich neu/anders Positionieren wollen in Form einer Neuorientierung/Umorientierung, um nicht dem Pygmalion – Effekt bzw. einer Self-fulfilling Prophecy zu entsprechen.
• die das Lernen über die gesamte Lebensspanne hinweg als autonomen Prozess verstehen und nicht dermaßen regiert werden wollen (keine Alterserziehung wie Bonsai-Bildung©).
Autorin:
Alexandra Beirer, Mag. Dr. rer.soc.oec. : Konditormeisterin, AHS-Matura in Stams, Magisterstudium der Wirtschaftspädagogik und Doktoratsstudium der Soziologie an der Sozialwirtschaftswissenschaftlichen Universität in Innsbruck.
Anmerkungen
[1] Vgl. SCHNORR Charlotte 2004, S. 15.
[2]  Vgl. SIEBERT Horst 2006, S. 13.
[3]  Vgl. GRUNDMANN Mathias 2009.
[4]  KOLLAND Franz/KAHRI Silvia 2004, S. 10.
[5] SIEBERT Horst 2006, S. 13.
[6]  Vgl. STAHL Horst/RÜGER Helmut 2008.
[7]  FOUCAULT Michel 1992, S. 13.
[8]  Vgl. KINSLER Margit 2003, S. 66-67.
[9]  Vgl. ebda., S. 171.
[10]  Vgl. ebda., S. 88.
[11]  KINSLER Margit 2003, S. 68.
[12]  ROSENMAYR Leopold 1998, zitiert bei KINSLER Margit 2003, S. 75.
[13]  SCHMIDT Bernhard 2009, S. 169.
[14]  Vgl. SCHMIDT Bernhard 2009, S. 169.
[15]  Vgl. SIEBERT Horst 2002, S. 21.
[16]  BEIRER Alexandra 2011, S. 11.
[17]  Vgl. MACKOWITZ von Uta 2001, zitiert bei RUSCHMANN Eckart 2001 in BEIRER Alexandra 2008, S. 32.
[18]  Vgl. KURZ Rosemarie 1992; AUINGER Leopold 1989 in BEIRER Alexandra 2008, S. 32.
[19]  Vgl. STADELHOFER Carmen 2006.
[20]  http://www.boerse.bz/boerse/videoboerse/filme/53680-lorenzos-ol-divx.html, 2011-07-24.
Literatur
BEIRER Alexandra (2008): Die Bedeutung wissenschaftlicher Bildung im Alter. Bildung,
Alter, Wissen, Seniorenstudium, Saarbrücken, Verlag Dr. Müller (VDM).
BEIRER Alexandra (2011): Theoretische Grundlagen von Curricula für Seniorenstudien. Ein experimentelles Konzept eines Seniorenstudiums in Anlehnung an die Postmoderne,
Saarbrücken, Südwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften (SVH).
FOUCAULT Michel (1992): Was ist Kritik, Berlin, Merve Verlag.
GRUNDMANN Mathias (2009): Sozialisation – Erziehung – Bildung: Eine kritische Begriffsbestimmung.
In BECKER Rolf (Hrsg.) (2009): Lehrbuch der Bildungssoziologie, Wiesbaden,
Verlag für Sozialwissenschaften (VS), S. 61-83.
KINSLER Margit (2003): Alter-Macht-Kultur. Kulturelle Alterskompetenzen in einer modernen Gesellschaft. Schriften zur Kulturwissenschaft, Band 49, Hamburg, Verlag Dr.KOVAC.
KOLLAND Franz/KAHRI Silvia (2004): Bildung im Alter, die Praxis der Altenbildung in Österreich, Anbieter und Angebote, Ludwig Bolzmann Institut für Sozialgerontologie und Lebenslaufforschung, Wien.
SCHMIDT Bernhard (2009): Weiterbildung und informelles Lernen älterer Arbeitnehmer.
Bildungsverhalten. Bildungsinteresse. Bildungsmotive, Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften (VS).
SCHNORR Charlotte (2004): Generation 50 plus, in: Tiroler Tageszeitung, 3. November
2004, Nr. 255, S. 15.
SIEBERT Horst (2002): Der Konstruktivismus als pädagogische Weltanschauung . Entwurf einer konstruktivistischen Didaktik, Frankfurt am Main, Verlag für Akademische Schriften (VAS).
SIEBERT Horst (2006): Studientexte für Erwachsenenbildung. Lernmotivation und Bildungsbeteiligung, Weinheim und Basel, Beltz.
STADELHOFER Carmen (Hrsg.) (2006): Forschendes Lernen. Als Beitrag zu einer neuen Lernkultur im Seniorenstudium, Neu-Ulm, AG SPAK Bücher.
STAHL Horst/RÜGER Helmut (2008): Bonsai, 2. Auflage, Stuttgart, Kosmos Verlag.

Leave a Reply