24 Stunden am Tag, ein ganzes Jahr hindurch

“Du musst 24 Stunden am Tag da sein und das a ganzes Jahr “.

Aussage einer pflegenden Angehörigen in einem Film von Herbert Link
präsentiert bei der 1. Jahreskonferenz der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger am Mittwoch 30.3.2011 in Wien. Im Zentrum des Vereins FÜR UND MIT pflegenden Angehörigen steht an erster Stelle die Verbesserung der Lebenssituation pflegender Angehöriger, so die Präsidentin Birgit Meinhard-Schiebel, weiters eine höhere Wertschätzung und Anerkennung der Pflegeleistungen der Angehörigen, die Identifizierung von Versorgungslücken und das Eintreten für Verbesserungen sowie die Etablierung von pflegenden Angehörigen als politisch relevante Gruppe.
Eine derzeit besonders dringliche und leicht umsetzbare Forderung: Das Recht auf mindestens einen bezahlten pflegefreien Tag im Monat. Denn, so Gerontologin und Chefärztin des Roten Kreuz Prof. Katharina Pils “70% der Angehörigen leiden körperlich und seelisch “.

www.ig-pflege.at

Vorstand und Beirat der Interessengemeinschaftpflegender Angehöriger arbeiten ehrenamtlich neben ihren jeweiligen Jobs. Im Beirat sitzen 20 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Unternehmen, aus der Praxis. Inzwischen gibt es in jedem Bundesland  RegionalkoordinatorInnen als direkte Ansprechpersonen.

PFLEGE GELD

433.000 Menschen in Österreich sind „anerkannte“ Pflegefälle. Sie beziehen Pflegegeld. 65% davon werden von ihren Angehörigen gepflegt. Nicht berücksichtigt sind jene Tausende, die –noch –kein Pflegegeld bekommen, aber trotzdem von ihren Angehörigen betreut werden, weil diese weniger als 60 Stunden Pflege im Monat dafür aufwenden.

Das Pflegegeld für die Stufe 1 (60 Stunden/Monat) beträgt 154,20 Euro/Monat.

Das Pflegegeld für die Stufe 7 (mehr als 180 Stunden) beträgt  1.655,80/Monat.
Der Anspruch auf Pflegegeld besteht unabhängig vom Einkommen und vom Vermögen und soll zur Entlastung der Angehörigen beitragen, aber fest steht auch:
‚Die ganze Pflege lässt sich nie mit dem Pflegegeld ausfinanzieren’ ( Karin Pfeiffer, Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz).

PFLEGE ist ein BEINHARTER,UNBEZAHLTER JOB und er ist WEIBLICH

„Im Spital habens g’sagt, der Opa kummt ham und ich hab g’sagt  was soll i machen, des wissens net haben’s im Spital g’sagt aber sie behalten kane Pflegefälle“. (Film von Herbert Link)
Der Opa wohnt bei Frau B., die ihn rund um die Uhr betreuen muss. Frau B.  ist zwar verheiratet, aber sie und ihr Mann leben getrennt. Sie mit dem Opa in einem Dorf, ihr Ehemann in Wien „die Zärtlichkeit ,die mein Mann möchte, die kann ich ihm nicht geben, ich bin völlig erschöpft und will nur mei Rua haben“, so Frau B.

Birgit Meinhard- Schiebel ergänzt:
Es gehe nicht nur um Betroffenheit sondern es sei anzuerkennnen welche enorme Leistung pflegende Angehörige erbringen, eine Leistung, die meistens nicht wertgeschätzt werde.

WIR ALLE LEBEN AUF KOSTEN PFLEGENDER ANGEHÖRIGER

Die Kosten für die Pflege werden steigen, man rechnet mit fast 5 Milliarden Euro im Jahr 2030, vorausgesetzt auch dann übernehmen über 65% der Angehörigen die Pflege. Sollte das nicht der Fall sein, werden die Kosten noch höher sein.

Der geschätzte  Wert der informellen Pflege in Österreich  beträgt 2011 ca 3 Milliarden Euro errechnete Prof. Ulrike Schneider vom Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien. Im Vergleich dazu die öffentlichen Pflegekosten: ca 162 Millionen Euro.

Voraussetzung dieser Berechnung  war eine Erhebung aus dem Jahr 2002, denn es gibt derzeit keine offizielle regelmäßige Erhebung pflegender Angehöriger.

Wenn jeder 15. Erwachsene in Österreich durchschnittlich zehn Stunden im Monat Hilfe leistet, ergibt das umgerechnet 220 Millionen Stunden im Jahr. Das wären 130.000 Vollzeit Arbeitsplätze.  Es arbeiten aber offiziell weniger als die Hälfte als bezahlte Pflegekräfte.
220 Millionen Pflegestunden im Jahr wurden  mit durchschnittlich ca 3 Milliarden Euro bewertet. Dem gegenüber stehen die tatsächlichen Ausgaben für die öffentlichen Pflegekosten mit durchschnittlich 162 Millionen Euro.
Offene Frage: Müssten wir die tatsächlich erbrachten Leistungen bezahlen……..????

BETROFFEN SIND WIR ALLE

Die Gesellschaft setzt derzeit ihre Prioritäten so, dass sie meint, Pflege sei nicht finanzierbar und öffentliche Gelder werden in andere Bereiche wie z.B den Straßenbau gesteckt. Uni. Prof. Ulrike Schneider gibt dabei zu bedenken, dass es

vier Arten von Menschen auf dieser Welt gibt:

Die, die Pflege geleistet haben
Die, die Pflege leisten
Die, die Pflege leisten werden
Die, die Pflege brauchen

In Österreich, so hat sie über Umfragen herausgefunden, überwiegt das Modell der familiären Pflege, das zentraleuropäische Subsidaritätsmodell, das davon ausgeht: die Familie ist Träger von Pflege, der Staat unterstützt etwas. Die Meinung, Kinder sind für die Pflege ihrer Eltern zuständig, fand in Österreich eine höhere Zustimmung als in anderen EU Staaten.

KEINE VERKLÄRUNG und KEINE VERDRÄNGUNG der DUNKLEN SEITE der “LABOUR OF LOVE”

Nachweisbar ist nicht nur, dass pflegende Angehörige dem Staat Gesundheitsausgaben ersparen, sondern dass es bei den familienzentrierten Systemen hohe Risiken gibt- für die pflegenden Angehörigen.
Denn diese verursachen auch Kosten: mehr als zwei Drittel der informell Pflegenden fühlen sich überlastet, dazu kommen  höhere Krankheitsrisiken, finanzielle Einbußen sowie Versorgungslücken der pflegenden Angehörigen.

Eine Untersuchung ergab, dass drei Viertel der Pflegenden von Dementen keine Hilfe in Anspruch genommen haben. Warum fragten sich die WissenschafterInnen, wenn die  Menschen überlastet sind, sich am Rande oder bereits mitten in einem Burn befinden, warum ignorieren sie die vorhandenen Hilfsangebote?.

Bezeichnend waren die Antworten von pflegenden Angehörigen wie z.B

„ Ich helf der Mutti ja nur ein bisschen“

oder

„Bitte parken Sie mit dem Logo der Hauskrankenpflege auf dem Auto doch um die Ecke, die Leute sollen es nicht sehen“.

Univ. Prof. Ulrike Schneider fordert daher u.a.:
Mehr Augenmerk auf die Unterstützung von pflegenden Angehörigen zu legen:

+++Innerhalb der Familie: gerechtere Aufteilung der Aufgaben
+++In den Betrieben: Unterstützungskonzepte für pflegende MitarbeiterInnen
+++In der Gesellschaft: Register aller pflegenden Angehörigen, Anerkennung der Leistungen, besserer Informationszugang, mehr Unterstützungen, Entlastungsangebote, Enttabuisierung.

Auf der anderen Seite müssten die betroffenen Angehörigen Hilfe einfordern und annehmen.

BURN OUT in SICHT

Denn sonst beginnt der Kreislauf des Burn Out. Manuela Taschlmar, Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger, beschreibt die Burn Out Phasen so:

Anfangsphase: Überengagement, die Betroffenen fühlen sich unentbehrlich, verleugnen ihre eigenen Bedürfnisse, gönnen sich keine Erholung.

Einbruchsphase: Leistungsfassade bröckelt,  es zeigt sich eine chronische Müdigkeit sowie eine Unlust, mit der Arbeit zu beginnen.

Abbauphase: verminderte Zufriedenheit, wachsende Gefühle der Benachteiligung, Leistungsabbau mit Flüchtigkeitsfehlern, Depression, Schlaflosigkeit.

Kompensierter Burn out: innerer Ausstieg, Dienst nach Vorschrift, viele „Rechtfertigungen“ für mangelndes Engagement.

Hilfe bei :

Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger
office@ig.pflege.at
www.ig-pflege.at

Pflegetelefon im Sozialministerium:
0800 201622 ( Pflegegeld, Unterstützungsmaßnahmen, Beratung= 8-16h
www.pflegedaheim.at
https:// broschuerenservice.bmask.gv.at
www.bmask.gv.at

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