Das Leben feiern

Januar 25th, 2011 | 3 Comments | Posted in Aus aller Welt, Featured Articles, Kunst und Kultur, News

“Wir sind hier in Ouidah zusammengekommen, um das Leben zu feiern” sagt  der international bekannte Choreograph, Tänzer und Tanzdozent Koffi Kôkô,  Benin, Westafrika. 25 Menschen zwischen 30 und 65 aus Italien, Frankreich,Deutschland, Österreich, Schweden, der Schweiz trafen einander zwischen 2. und 17. Jänner 2011 in der Stadt am Atlantik,um abseits touristischer Trampelpfade, in eine Kultur einzutauchen, die vom Tanz und vom Vodou bestimmt wird.

Benin gilt als die Wiege des Vodou, eine der bedeutendsten afro-amerikanischen Religionen mit etwa 60 Millionen Praktizierenden weltweit.

Ein generationenübergreifender Workshop mit Tanz, Ritualen, Zeremonien im roten Sand unter Palmen im Village d’Artiste, dem von Koffi Kôkô initiierten KünstlerInnendorf am Atlantik.

 

 

BENIN:

Republik von Benin, ehemals Königreich von Dahomey, nicht zu verwechseln mit Benin in Nigeria

umgeben von Togo, Nigeria,Niger,Burkina Faso

Größe: 112.620km2

EinwohnerInnen: ca 7,5 Millionen

Haupstadt: Porto- Novo, wichtigste Stadt und Zentrum des Landes: Cotonou

 

 

 

Das Projekt  VILLAGE  d’ ARTISTE  in Ouidah

ein Dorf für KünstlerInnen

 

Village d’Artiste entstand vor elf Jahren. Damals brachte Koffi Kôkô StudentInnen aus unterschiedlichen Ländern in den Benin und integrierte sie in den rituellen Kontext der Feierlichkeiten in Ouidah. Die Kombination zeitgenössischer Tanz sowie ritueller Hintergrund funktionierte. Er entwickelte mit der italienischen Architektin Barbara Borghini ein künstlerisches Konzept für neun Bungalows, ein Restaurant und ein kleines Hotel. In den Bauten sollte der Geist des Platzes sowie Spiritualität und Tanz in der Architektur zum Ausdruck kommen.

Heute stehen auf der etwa drei Hektar großen Fläche am Strand von Ouidah die überdachten Pavillons aus lateritfarbener Erde und das Restaurant. Alles eigenfinanziert ohne jede staatliche oder internationale Unterstützung. Einiges fehlt noch, daher : SponsorInnen gesucht.

 

Der in Frankreich und Benin lebende  Choreograph und Tänzer Koffi Kôkô gilt als einer der bedeutendsten Mitbegründer der modernen afrikanischen Tanzszene. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen u.a. “Passage”,”D’une rive á l’autre” , “Les feuilles qui résistent au vent”, “Die Zofen” ( mit Ismael Ivo unter der Regie von Yoshi Oida). Zahlreiche Choreographien In Kapstadt, Washington, London, Luzern, Kalifornien.ImOktober 2010 hat Koffi Kôkô, gemeinsam mit Opiyo Okach, die Eröffnungsproduktion “En attendant le Touareg” für das  Festival “Dance l’Afrique danse”.

 

Koffi Kôkô: ” Während meiner über dreißigjährigen Recherche über den Tanz, der Kommunikation mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, der Erfahrung von unterschiedlichen künstlerischen Arbeitsweisen kann ich heute nicht mehr sagen: ich bin nur Beniner.

Ich denke auf eine universelle Art, ich bin ein universeller Mensch.

Daher ist es mir so wichtig, zu sagen, ich teile mein Wissen, meine Erfahrung mit der jungen Generation, mit anderen KünstlerInnen und allen Menschen, die sich an Village d’Artiste beteiligen wollen. Im Verlauf meiner internationalen Karriere habe ich zahlreiche Kulturen kennengelernt. Viele lösten in mir etwas aus, das ich auf meinen künstlerischen Weg mitgenommen und in meine Arbeit integriert habe: z.B. 

die unterschiedlichen Denkprozesse der Menschen,

die vielfältigen Formen von Spiritualität

und wie sich diese Formen in Bewegung ausdrücken

und wie sich  wiederum diese Bewegung auf jene auswirkt, die sie tun.

Das alles ist Teil des Konzeptes von Village d’Artiste.”

 

 

Ziel von Village d’Artiste:

***einen offenen Raum für eine interkulturelle Begegnung von KünstlerInnen aus der ganzen Welt zu bieten

***sowie eine Verknüpfung zwischen Afrika und Europa und

***eine Verbindung zu den Nachbarländern Nigeria, Togo, Ghana, Kamerun herzustellen,

***ein Treffpunkt für KünstlerInnen aus Haiti, Kuba, Brasilien zu werden, 

***um hier Musik, Geschichte, Körpersprache miteinander zu teilen,

denn so Koffi Kôkô:

“Im Körper zeigt sich die Geschichte eines Menschen, einer Gruppe, eines Volkes”.

 

 

 

 

‘Un Yi Wa Nu Ouidah’,

Ein Bericht von Nora Aschacher:

 ‘Ich liebe Ouida’

in der Sprache der Fon, einer der über 60 Sprachen, die in Benin gesprochen werden.

Ja, es stimmt.Irgendetwas zieht mich nach Ouidah,ehemals eines der Zentren des transeuropäischen Sklavenhandels und bis heute spirituelle Hauptstadt des Landes mit einer präsenten und vielfältigen Kultur des Vodou

Eine Stimme in mir seufzt zufrieden:

“Endlich wieder daheim”.

Ich habe im Norden die Städte Bohicon, Natitingou,Parakou besucht, die bemerkenswerten Tata Somba Häuser gesehen, habe an Gèlèdè Zeremonien (UNESCO Immaterielles Weltkulturerbe)in Sakété, Pobé, Kétu, Savè teilgenommen, war zwei Mal in Abomey mit seinem königlichen Palastmuseum, heute UNESCO Weltkulturerbe, öfters in der Hauptstadt Porto Novo mit ihren ca 230.000 EinwohnerInnen, kenne Comè , den Strand von Grand Popo sowie Cotonou mit dem größten Markt Westafrikas, aber bei einem Vergleich mit Ouidah stimme ich der irischen Sängerin Sinead O’Connor zu:

„Nothing compares to you“.

 

Bereits nach meinem ersten Aufenthalt stellte ich mir die Frage. “Kann man/frau ein Land lieben, sich an einem Ort zuhause fühlen, wo man/frau gerade mal drei Wochen als Gast verbracht hat?
 Warum rühren mich die in der Dunkelheit flackernden Kerosinlämpchen, dass mir sofort Tränen in die Augen steigen? Wieso genügt alleine der Anblick des roten Lateritsandes, um „Ja, das ist es“ zu seufzen?
Dazu dieser Wind, der wie ein zärtlicher Liebhaber Haare, Augen, Arme und Beine umschmeichelt. Aber weht nicht auf Kreta, Teneriffa,  Antalya, den Malediven ein ebenso lauer Wind? Atmet der Körper nicht überall auf, wenn er aus den winterlichen Minustemperaturen in warme Länder kommt?

Vielleicht….. aber da sind

 

 

 

die Farben

*** das kokosmilchige Grün der Palmwedel bevor es Nacht wird,

***die blutorangefarbene Sonne, die sich in den Sand fallen lässt,

die Mahnmale eines der größten Menschheitsverbrechen

***die Skulpturen rechts und links der drei km langen „Route des Esclaves“ zum „Porte de Non Retour“am Atlantik, dem Hafen ohne Wiederkehr. Von hier wurden tausende SklavInnen deportiert, nachdem  sie den Baum des Vergessens umrundet hatten, Männer neun Mal,Frauen und Kinder sieben Mal, um Namen, Familie, Identität zu vergessen. Danach sperrte man sie monatelang in einen Raum ohne Licht , um ihren Widerstand zu brechen.

die Küste

*** Sand, Sand, Sand ohne Anfang und ohne Ende, eine leicht verhangene , blasse Wintersonne,Wellen mit einem gewaltigen Sog, den nur die Sandspinnen voll und ganz genießen,

*** alle 500 Meter ein alter Einbaum, der Bootsleib zerfurcht und geschwärzt mit Aufschriften wie  ”Le pauvre n’est pas pauvre”, “der Arme ist nicht arm”, rundherum ausgebleichte blaue Netze,dahinter die Hütten der Fischer, die hohen Palmen,

die Stadt

*** dieses goldene Spätnachmittagslicht, das die verfallenen Häusern und  alten Kolonialbauten mit einem zeitlosen Zauber besprüht,

*** die Händlerinnen in bunt färbigen Wickeltüchern entlang der Hauptstrasse, die Kekse, französisches Brot, Bananen, Ananas, Avocados verkaufen,

***die durch die Stadt rasenden Zemidjanfahrer,(Motorradfahrer) an die ich mich anklammere, während ich ihnen das meist gebräuchliche Wort im Benin „doucement, doucement“ in die Ohren kreische, worauf diese mit zusätzlicher Erhöhung der Geschwindigkeit und fröhlichem Lachen reagieren,

***überall dieser rote Sand , vor dem Historischen Museum, der Maison du Brésil, dem Heiligen Wald von Kpassé, dem Viertel rund um die Moschee, dem Markt

*** der Pythontempel, Heimstätte für Pythonschlangen, die im Vodou verehrt werden und genau gegenüber die katholische Basilica de lan Conception Immaculée, Symbol für die Koexistenz der Religionen im Benin.

 

Koexistenz der Religionen:

Von den über 7 Millionen EinwohnerInnen des Benin sind mehr als 50 Prozent AnhängerInnen animistischer Religionen, 30 Prozent KatholikInnen, 15 Prozent MuslimInnen : aber 100 Prozent glauben an den Vodou, abgesehen von den AnhängerInnen diverser Sekten. Der ehemalige Präsident Nicéphore Soglo etablierte 1996 den Vodou als offizielle Staatsreligion sowie den 10. Jänner als religiösen Feiertag.

10. Jänner Vodou Staatsfeiertag

In der Nacht vor dem 10.Jänner heißt es, sei Ouidah von einer ganz außergewöhnlichen Energie erfüllt. Um den 10. Jänner herum finden auch in vielen Familien mehrtägige Zeremonien mit Opfern, Gesängen, Tänzen für die jeweilige Schutzgottheit statt. Es gibt im Vodou zumindest hunderte verschiedene Gottheiten.

Das Pantheon der Gottheiten

Die bekanntesten sind Dan (Schlangengottheit), Legba (Hüter des Hauses und Öffner des Weges), Mami Wata( Wassergöttin für  Schönheit und Wohlstand ), Heviosò( Vodou des Blitzes und des Donners), Sakpata (gegen soziale Ungerechtigkeiten und ansteckende Krankheiten) All diese Gottheiten sind so unterschiedlich und vielfältig wie die Menschen und es sind diese Gottheiten, die eine Verbindung zwischen den Menschen und jener Energie herstellen, die das Universum erschaffen hat.

 

 Vom Kleinen zum Großen:

Koffi Kôkô bei einem Interview 2006:

„Der Vodou ist eine Philosophie. In der Praxis wird über das Ritual, die Ausführungen und die rituellen Handlungen so etwas wie eine Religion daraus. Der Vodou ist daher anders organisiert als die großen Religionen, die wir kennen.
Für mich ist er eine Philosophie, die auf der Anrufung der natürlichen Mächte, der Energien beruht und auf der Kommunikation mit Gottheiten, die in Form von natürlichen Kräften auftreten.

 

 

 

 

 

Menschen und Götter

Die Eigenschaften der Gottheiten entsprechen den menschlichen Charakteren. Im Götter Pantheon muss man, um mit den großen Gottheiten zu sprechen, den Weg über die kleinen gehen, die aber nicht wirklich klein sind wie z.B. Legba. Legba gilt im Benin als Hüter des Dorfes, der Gemeinschaft  etc.
Man muss Legba passieren, bevor man irgendeine Zeremonie beginnt, denn nur über ihn kommt man zu den anderen Gottheiten. Das bewahrt uns eine gewisse Menschlichkeit. Man sieht daraus, um zu dem Höchsten zu kommen, muss man durch das Kleinste gehen und dieses respektieren“.

 

 

Das FA ein uraltes Orakelsystem, zentraler Bestandteil der Kultur

Das FA ist ein höchst kompliziertes 4 -5.000 Jahre altes System, das auf 16 Grundzeichen aufbaut, die 256 Zeichen möglich machen, mehr Zeichen als das bekannte I Ging kennt.  Es wurde von den Yoruba ( eine Ethnie u.a. im Benin) über Jahrhunderte entwickelt, um damit komplexe bis in die Philosophie reichende Strukturen zu erstellen. Ein Orakelpriester deutet  die Aussagen des Orakels. Seine Ausbildung dauert 5-10 Jahre.

Die universelle Sprache des FA

Das FA ist eine Art Container des Wissens, in dem Weisheit und Wissenschaft zusammenkommen: die Wissenschaft der Zahlen, der Geomantie, der Astrologie etc. So wie die 25 Buchstaben unseres Alphabetes Wörter und Sätze der menschlichen Sprache ermöglichen, so kreieren die 16 Zeichen des FA eine andere, universelle Sprache.

Folgende Aussagen von Künstlern, FA  Priestern, Wissenschaftern habe ich während meiner Besuche im Benin gehört:

„ Wir konsultieren das FA zu allem, was wichtig ist. Das FA zeigt uns den Weg, den wir gehen müssen. Jeder, der ein Problem hat, kommt zum Priester des FA“.

„Das FA gilt als Ursprung von allem, es ist die erste Gottheit“.

„Niemand kann das FA ganz kennen. Ich weiß nur soviel wie Gott wollte, dass ich kennen lerne“.

„Das FA ist der Anfang von allem. Unsere Ahnen sagen, das FA zeige uns, dass nichts wichtig ist und alles wichtig ist“.

Man befragt das Orakel nicht, um sich zu amüsieren oder um Spaß zu haben.

Das FA befragt man, weil man daran glaubt. Man fragt das FA aus eigenem Willen, freiwillig, aber, wenn man es gefragt hat, muss man dem Spruch folgen“.

„Das FA ist unsere Sprache, unsere Kultur. Wenn es ein Problem gibt, dann gehen die Leute, egal ob Moslems oder Christen, zuerst zum Priester und fragen das Orakel.“

Was passiert wenn man sich nicht an die Anweisungen des FA hält?
Antwort eines Orakelpriesters:

„Angenommen Du bist krank und konsultierst das FA, dann wird es Dir sagen, dass Du ein Opfer bringen musst. Ohne Opfer kann man nicht geheilt werden. Das ist sehr einfach: wenn Du Malaria hast und keine entsprechenden Medikamente einnimmst, wirst Du auch nicht gesund werden“.

Rituale und Zeremonien 

finden ein oder zwei Mal im Jahr statt, je nachdem welche Ereignisse es in der Familie, im Viertel, im Dorf gegeben hat. Man kommt zusammen, um zu beten, beieinander zu sein und um sich selbst, den Anderen, den Gottheiten ein Geschenk zu machen. Dieser spirituelle Aspekt ist eine wichtige geistige Nahrung, da diese Treffen als eine Art Meditation angesehen werden.

 

Meditation bedeutet Singen und Tanzen

Koffi Kôkô: “In der afrikanischen Kultur, in der Kultur des Vodou bedeutet Meditation nicht bloß, die Augen und den Mund zu schließen und still zu sein. Meditation bedeutet, während einer Woche zusammenzuleben, miteinander zu essen, zu tanzen, zu musizieren, den Gottheiten Essen anzubieten und zu sehen wie sich die Gottheiten über die Initiierten darstellen und ausdrücken. Alle sind aufgerufen, den anderen Gutes zu bringen und die Wohltaten des Rituals zu empfangen.Das Ritual ist eine kulturelle Basis, die den Menschen immer wieder erkennen lässt, dass er an der Natur teilnimmt”

Der Tanz : Kommunikationsmittel zwischen Menschen und Göttern
Koffi Kôkô: „Der Tanz ist unser Gebet.Alle, die am Ritual teilnehmen, verbinden sich mit diesen Energien, um die Kräfte des Einzelnen und der Gruppe zu stärken.“

Der magische Raum

In einem Interview das Johannes Odenthal, Kurator, Publizist und Organisator von internationalen Kulturprojekten mit Koffi Kôkô führte, erläuterte dieser:

„ In den Zeremonien wird ein magischer Raum gebildet, der sich öffnet. Das Ritual ist meist die Form, die die Entfaltung und die Organisation des magischen Raumes annimmt, um sich zu öffnen.“

Und weiter heißt es:

„Im Ritual beschreiben wir den Moment der Trance auch als den Augenblick, wenn der Körper singt und die Trommel tanzt“

Die Energiezentren: Füße, Wirbelsäule, Brustbein

+++der Kontakt der Füße mit dem Boden, der Erde

+++ die Wirbelsäule als Ausgangspunkt der Mobilität sowie als Transportmittel von Energie

+++vom Brustbein strahlt die Energie des Körpers am intensivsten aus

„Bewegung beginnt in der Stille und sie endet auch dort.

sagt Koffi Kôkô.

 Es ist jene Stille, nachdem alle Kämpfe aufgegeben und alle Wünsche fallen gelassen wurden. Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen haben sich zurückgezogen. Körper und Seele sind nackt und rein ohne die Wunden und Verletzungen zu verstecken“.

 

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3 Responses to “Das Leben feiern”

  1. Petra Baudis Says:

    der Bericht ist fantastisch, spricht mir aus der Seele! Behalten wir die Wärme Benins im Herzen!

  2. Carole Fleurbaey Says:

    So schön… oh vielen dank, vielen lieben dank !!!!

  3. nora Says:

    Hallo Carole,
    Danke für Deine Meinung. Ich hoffe, es geht Dir gut.

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