Unbedingt nach Timbuktu

Oktober 21st, 2009 | No Comments | Posted in Lebensmodelle, News, Texte

Klara Obermüller: Referat “Das Potential der späten Jahre” sowie Vorwort

zu “Ruhestand -nein danke!”

 

„Unbedingt nach Timbuktu!!“,

schrieb die Psychoanalytikerin Ingrid Flury-Specht auf einen Zettel, den sie mir nach der Vernissage dieses Buches zusteckte. Ich habe ihn aufbewahrt. Ich schaue ihn mir von Zeit zu Zeit an. Und ich frage mich, ob ich dem Rat folgen soll oder nicht. Timbuktu ist ja nicht einfach nur eine Reise.

Timbuktu steht für die Träume,

die ich noch verwirklichen möchte. Timbuktu steht für die Möglichkeiten, die mir noch offen stehen. Timbuktu oder nicht Timbuktu entscheidet letztlich darüber, was ich aus meinem Leben noch machen will.
Seit jener Vernissage sind mehr als zwei Jahre vergangen. In Timbuktu war ich zwar noch nicht. Doch die geplante Reise in den Iran liegt mittlerweile hinter mir. Sie war eindrücklich und die Stadt Isfahan etwas vom Schönsten, was ich je gesehen habe. Aber die Reise brachte auch eine Erfahrung mit sich, die ich so nicht erwartet hatte.

Es war gleich in den ersten Tagen,

irgendwo zwischen Teheran und Kashan. Die Fahrt wollte kein Ende nehmen, die Strecke war eintönig, die Luft im Bus stickig und heiss. Und da geschah es, unvermutet und plötzlich, dass meine Stimmung kippte und alle Freude am Reisen dahin war. Statt Unternehmungslust und Neugierde waren da auf einmal nur noch Niedergeschlagenheit, Unlust und eine lähmende Müdigkeit. So kannte ich mich nicht. Ich hatte Strapazen immer gut ertragen können. Ich wusste, dass sie zum Reisen gehörten wie das Packen, die Zollformalitäten und das Warten auf verspätete Transportmittel. Ich wusste, dass es ohne sie auch die Wonnen des Aufbrechens nicht gibt und nicht das wunderbare Gefühl des Ankommens an einem unbekannten Ort.

Reisen hatte für mich stets höchstes Glück bedeutet.

 Und jetzt dieser plötzliche Überdruss – und ein Gedanke, klar und deutlich wie ein Blitz: Das war’s dann. Das machst du nie wieder!

Was war geschehen?

Was war es, was mir auf dieser Fahrt so zu schaffen machte? Die körperliche Anstrengung allein konnte es nicht sein. Sie war nicht übermässig gross und in der schattigen Kühle persischer Teehäuser schnell vergessen. Es musste also noch etwas anderes sein: ein Unbehagen, das tiefer reichte als alle Reisebeschwerden. Ich bekam die bohrende Frage nicht mehr aus dem Kopf: Warum tust du dir das an? Was willst du dir eigentlich beweisen?

Die Erfahrung war ein Schock.

Ich war an eine Grenze gestossen, die ich bisher nicht gekannt hatte. Während der Bus endlos dahin holperte und der Blick sich in der braun-grauen Leere der iranischen Salzwüste verlor, wurde mir bewusst, dass ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht hatte. Natürlich bin auch jetzt mit 67 zu jung, um mich dem Müssiggang hinzugeben. Natürlich liebe ich meinen Beruf und halte mein Bedürfnis nach sinnvoller Tätigkeit nach wie vor für berechtigt. Und doch beschleicht mich jetzt manchmal der Verdacht, dass hinter der hektischen Betriebsamkeit der letzten Jahre noch etwas anderes steckt, etwas, was ich mir nur ungern eingestehe:

die Angst vor dem Alter.

Oder, besser, die Weigerung, das eigene Älterwerden zu akzeptieren. Auf dieser staubigen Strasse zwischen Teheran und Kashan habe ich begriffen, dass ich vor dieser Tatsache nicht weiter davonlaufen kann.
Nein, ich habe danach keinen Schönheitschirurgen aufgesucht, um mich verjüngen zu lassen. Und ich schliesse auch nicht aus, dass ich wewiterhin auf Reisen gehe.

Timbuktu ist noch nicht abgeschrieben.

Aber ich versuche mich langsam an den Gedanken zu gewöhnen, dass nicht mehr alles möglich und auch nicht mehr alles nötig ist.
Vor einiger Zeit besuchte ich mit einem Freund zusammen wieder einmal die „Art“ in Basel. Wir gingen von Galerie zu Galerie, sahen da etwas, was uns interessierte, fragten dort nach dem Preis. Auf einmal blieb mein Freund stehen und sagte:

„Ach, weisst du, ich muss es eigentlich nicht mehr haben.“

 Der Satz hat sich mir eingeprägt. Ein Mann, der zeit seines Lebens Bücher gesammelt und Kunst gekauft hatte, gestand sich plötzlich ein, dass er „es nicht mehr haben“ müsse. Das heisst: nicht mehr kaufen, nicht mehr horten, nicht mehr besitzen.

Ist es das, die Weisheit des Alters?

Dass man sich an den schönen Dingen des Lebens freut, aber sie nicht mehr unbedingt besitzen, nicht mehr um jeden Preis festhalten muss? Dass man Abschied nimmt, nicht nur von Menschen, sondern auch von Aktivitäten, die einem lieb sind, von Fähigkeiten, auf die man ein Leben lang stolz gewesen ist?
Der Verstand sagt mir, dass auch ich um solche Abschiede nicht herum kommen werde. Mein Gefühl jedoch sträubt sich dagegen.

Ich weiss, ich bin eine ältere Frau,

die nicht mehr alles mitmachen, nicht mehr überall dabei sein muss. Ich weiss, dass ich mir zu Recht etwas Ruhe gönnen könnte. Aber ich bin irritiert, wenn ich merke, dass es andere von mir erwarten: wenn mir ein junger Mann im Tram seinen Sitzplatz anbietet zum Beispiel oder wenn die Angestellte auf dem Quartierbüro „Rentnerin“ in meinen Personalausweis schreiben will. Da winke ich dankend ab. Da wehre ich mich lautstark. Dabei weiss ich, dass der eine bloss höflich sein wollte und die andere sich nichts Böses dachte.

Die Entrüstung, die in mir aufsteigt, ist ganz allein mein Problem.

Sie zeigt, wie sehr das gefühlte Alter vom tatsächlich wahrgenommenen Alter abweicht. Sie zeigt aber auch, dass ich mit mir und meinem Älterwerden nicht zurecht komme.
Wenn ich ganz ehrlich bin, empfinde ich den Prozess der Alterung als eine Zumutung. Vor allem seine körperlichen Begleiterscheinungen. Als selbständige, emanzipierte Frauen haben wir zwar gelernt, uns über unsere Fähigkeiten und Leistungen zu definieren. Gutes Aussehen um der Männer willen, das lehnten wir ab. Und doch blieb es wichtig. Und wird jetzt, da es sich zu unseren Ungunsten verändert, nur umso wichtiger.

Manchmal kommt es mir vor, als habe mein Blick sich geschärft.

Ich sehe nicht mehr die noch immer recht passable Gesamterscheinung, sondern nur noch die unvorteilhaften Details: die Runzeln im Gesicht, die verschrumpelte Haut am Hals, das erschlaffte Gewebe an Armen und Beinen. Ich spüre, wie die Muskelkraft schwindet und die Ausdauer nachlässt.  Ich realisiere, dass der Radius beim Wandern kleiner geworden ist. Alles nur Äusserlichkeiten? Sicher, aber eben doch Zeichen dafür, dass etwas zu Ende geht und nicht wiederkommt.
Die Frage stellt sich:

Was bleibt von der Weiblichkeit übrig, wenn die Schönheit schwindet und die Attraktivität nachlässt?

 Wenn es im Umgang mit Männern aufhört zu knistern und das Spiel der Blicke nicht mehr verfängt? Erotik und Sexualität im Alter sind noch immer Bereiche, über die zu reden schwer fällt. Deshalb wird man
als ältere Frau gerne auf die inneren Werte verwiesen. Es ist gut gemeint, aber es kränkt.
Das erfuhr ich, als ich unlängst von einem Frauennetzwerk an eine Podiumsdiskussion zum Thema

„For ever young – Traum oder Albtraum?“

 eingeladen wurde. Zusammen mit einer gestandenen Politikerin, einer Lifestyle- Redaktorin und einer ehemaligen „Miss Schweiz“ sollte ich der Frage nachgehen, wie Frau den „Übergang von der jungendlichen Liebhaberin zur Charakterdarstellerin“ meistert. Ich habe empört abgesagt und mich hinterher gefragt, worüber ich mich eigentlich so aufregte. Dass ich nicht mehr als jugendliche Liebhaberin durchgehe, steht ja wohl ausser Zweifel, und mit dem Begriff „Charakterdarstellerin“ wollte mich niemand beleidigen. Und doch: Mussten die Organisatorinnen mir so deutlich zu verstehen geben, dass sie mich nicht länger für begehrenswert und verführerisch hielten? Und dies nicht, weil ich ein anderer Mensch, sondern bloss weil ich eine alte Frau geworden war.

Sie habe manchmal das Gefühl, als Frau unsichtbar geworden zu sein,

sagte mir eine Bekannte, die nur wenig älter ist als ich. An der Bemerkung ist etwas dran, denke ich. Wieder stellt sich die Identitätsfrage, die mich in letzter Zeit so nachhaltig beschäftigt. Wer bin ich, wenn ich als Geliebte und Mutter potentieller Kinder nicht mehr in Frage komme? Ich bin noch immer eine Frau, die lieben und geliebt sein möchte. Aber sehen die anderen das auch so?
Den Platz der alternden Frau in der Gesellschaft gilt es erst noch zu definieren.

Graue Schläfen und Lebenserfahrung scheinen bei Frauen nicht gleich attraktiv zu sein wie bei Männern.

Ob das wirklich damit zusammenhängt, dass Männer auch im fortgeschrittenen Alter noch reproduktionsfähig sind, Frauen hingegen nicht? Wenn ich mir einen jugendlichen Liebhaber nähme, liefe ich Gefahr, mich lächerlich zu machen. Ein Mann, der das Gleiche tut, ist ein toller Hecht. Das ist ungerecht. Aber lässt es sich ändern?
Die Einstellung gegenüber dem alternden Körper scheint bei Männern anders zu sein als bei uns Frauen.

 Männer zeigen sich auch mit Schmerbauch und Spinnenbeinen selbstbewusst im Schwimmbad.

Wir hingegen verhüllen uns oder ziehen uns ins Frauenabteil zurück. Der Anblick des fortschreitenden Zerfalls bereitet mir – ich gebe es zu – erhebliche Mühe: bei mir selbst, aber auch bei den andern. Als ich neulich bei der deutschen Fotografin Herlinde Koelbl Fotos nackter älterer Frauen sah, war ich peinlich berührt. Die Bilder waren schonungslos. Viel schonungsloser als jene Aufnahmen, die unlängst in der Zeitschrift „Annabelle“ erschienen sind. Ich hätte mich so nicht gezeigt. Was sagt das aus über meine Einstellung zum Alter, über mich und mein Verhältnis zu mir selbst?

Manchmal, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein alterndes Gesicht, das mir fremd ist.

Und manchmal frage ich mich, ob meine Einstellung gegenüber dem Alter anders wäre, wenn ich Kinder gehabt hätte.
Gegen das Altern ist so wenig ein Kraut gewachsen wie gegen den Tod. Also kann man es nur hinnehmen oder überspielen. Ich versuche das eine und tue nicht selten das andere. Mein Bemühen, trotz offizieller Pensionierung beruflich aktiv zu bleiben, ist auch ein Versuch, das beginnende Alter zu ignorieren und den endgültigen Abschied hinauszuschieben. Heute sehe ich das klar und wünschte doch nicht, ich hätte etwas anders gemacht.

In den fünf Jahren seit meiner Pensionierung hat sich einiges verändert:

bei mir, aber auch in der Gesellschaft. Nach aussen hin bin ich zwar nach wie vor aktiv; aber die Hektik des Anfangs hat annährend normaler Betriebsamkeit Platz gemacht. Ich habe den sog. Pensionierungsschock überwunden und zu einer Work-Life-Balance gefunden, die meinem Alter, so glaube ich wenigstens, einigermassen entspricht. Geholfen hat mir dabei die öffentliche Debatte, aber auch die persönliche Reflexion, die sich aus der Teilnahme an Veranstaltungen und Einzelgesprächen ergab.
Als dieses Buch im Frühjahr 2005 erstmals erschien, hatte die Diskussion über die gesellschaftlichen Folgen der demografischen Entwicklung gerade erst begonnen. Entsprechend widersprüchlich waren die Signale.

Frühpensionierung galt in weiten Kreisen noch immer als Ideal.

Von Heraufsetzung des Rentenalters wagte kaum jemand zu sprechen. Vorstellungen von einem aktiven Alter hatten es schwer, sich gegenüber den herkömmlichen Bildern von Ruhestand zu behaupten. Es gab sie zwar schon, die „neuen Alten“; aber ihren Platz in der Gesellschaft mussten sie erst noch finden.

Zwei Jahre später

sind die Widersprüche zwar noch längst nicht alle ausgeräumt. Doch das Alter wird mittlerweile nicht nur differenzierter, sondern auch positiver wahrgenommen als früher. Man hat gelernt, die sog. jungen Alten von den Hochaltrigen zu unterscheiden. Man betont nicht mehr nur die Überalterung der Gesellschaft, sondern weist gleichzeitig auf deren soziokulturelle Verjüngung hin.

Menschen, die nicht nur immer älter werden, sondern dabei auch immer länger jung bleiben, stellen ein Potential dar,

das gesellschaftlich zählt und wirtschaftlich ernst zu nehmen ist.
Die Ersten, die das gemerkt haben, sind die Werber. Sie haben aus den unterstützungsbedürftigen Senioren von einst smarte „Silver Agers“, „Master Consumers“ und „Happy Enders“ gemacht. Sie haben in den unternehmungslustigen Rentnerinnen und Rentner ein kaufkräftiges Kundensegment entdeckt, das es mit passenden Produkten zu bedienen gilt. Längst haben Reise-, Kosmetik- und Modeunternehmen diesen Trend aufgegriffen. Das Gesundheits- und das Versicherungswesen sind ihnen gefolgt.

Aber auch der Arbeitsmarkt hat auf die demografische Entwicklung reagiert.

Veränderungen bei den Rentenregelungen zeichnen sich ab. Frühpensionierungen werden seltener. Fliessende Übergänge und Temporäreinsätze stossen als Alternativen zur bisher üblichen Pensionierung allmählich auf Akzeptanz. Alles deutet darauf hin, dass die Wirtschaft auf Seniorinnen und Senioren angewiesen sein wird, wenn ihr über kurz oder lang die Arbeitskräfte ausgehen und die Renten nicht mehr finanzierbar sind. Nicht von ungefähr werden ältere Arbeitskräfte schon heute für ihre

 hohe Sozialkompetenz und ihr breites Erfahrungswissen

gepriesen. Anerkennung tut Not, wenn man das Rentenalter erhöhen und ältere Mitarbeitende zum Verbleib im Arbeitsprozess motivieren will. Die nötige Bestätigung liefern Mediziner und Neurobiologen, die in ihren Studien nachweisen, dass der Erhalt kognitiver Leistungsfähigkeit eng mit der Ausübung einer sinnvollen Tätigkeit zusammenhängt.
All das hat in letzter Zeit zu einer veränderten Einstellung gegenüber dem Alter und zu einem Wandel der Altersbilder geführt.

Statt auf die Defizite wird der Akzent jetzt vermehrt auf das Potential älterer Menschen gelegt.

Statt mit Gehhilfen bewegen sie sich neuerdings mit dem Rennrad durchs Leben. Die Generation 60plus setzt alles daran, fit, dynamisch und kreativ zu bleiben. Die öffentliche Wahrnehmung folgt ihr dabei.
Ich persönlich nehme diesen Wandel mit Genugtuung zur Kenntnis. Die neuen Bilder kommen mir entgegen. Sie sind wie gemacht für mich. Ruhestand, das war einmal.

Alter bedeutet aktiv bleiben.

Schon sieht die „NZZ“ ein Zeitalter heraufziehen, „in dem das Rentenalter von lebenslanger Berufsarbeit abgelöst wird“. Altersberufe und Altersarbeit sind eine Realität, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Ansätze sind bereits zahlreich vorhanden. Es entstehen Netzwerke für Senior Experts und Stellenvermittlungen für Pensionierte. Artikel in den Medien rühmen die Qualitäten älterer Arbeitnehmer: ihre Loyalität und Ausdauer, ihren Sinn fürs Wesentliche und ihre Kombinatorik, die allfällige Tempoeinbussen mehr als nur wettzumachen vermag. Selbst die Lernfähigkeit, so heisst es, bleibe dank der Plastizität unseres Gehirns weitgehend erhalten. Einzige Bedingung: Man nutzt sie auch. Es ist von Managern die Rede, die ihre ehemalige Firma wieder in Schwung bringen. Seniorenuniversitäten haben Zulauf. Beispiele von Alterskarrieren machen die Runde.

Toll, sage ich mir, da bin ich ja voll im Trend.

Arbeit im Alter kennt keine Grenzen mehr. Wer weitermachen will, kann weitermachen. Niemand braucht sich mehr zu entschuldigen, wenn es ihn statt nach Ruhe nach Herausforderungen gelüstet, die seinen Körper fit und seinen Geist rege erhalten. Alter, so hat man den Eindruck, ist keine Last mehr, sondern ein Geschenk. Frei sein und trotzdem gebraucht werden – was will man mehr, um rundum glücklich und zufrieden zu sein!

Und doch gibt es da eine ganze Reihe offener Fragen:

 

Es ist gut, dass das Alter die ihm zustehende Wertschätzung erfährt und ältere Menschen nicht mehr gedankenlos zum alten Eisen gezählt werden. Es ist grossartig, dass die Wirtschaft das Potential älterer Mitarbeiter erkennt und ihnen den gebührenden Platz im Arbeitsprozess zugesteht. Aber was ist mit all jenen, die bei dieser Entwicklung nicht mithalten können? Mit all jenen, die nach lebenslanger geisttötender oder krankmachender Arbeit ausgebrannt sind und weder Kraft noch Lust haben, länger als unbedingt nötig im Arbeitsprozess zu verbleiben? Wie müssen sie sich fühlen, wenn Politiker von Heraufsetzung des Rentenalters reden und Wirtschaftsleute die eben noch ausgemusterten Senioren als neue Humanressourcen preisen?

Irgendetwas stimmt da nicht.

Was für die einen eine Wohltat ist, wirkt auf die andern wie Zwang. Was die einen aufwertet, setzt die andern herab. Ich frage mich manchmal, ob wir in letzter Zeit nicht von einem Extrem ins andere gefallen sind und unsere Altersphobie durch eine Art Alterseuphorie ersetzt haben. Beides wird der Realität und vor allem der Komplexität des Alters nicht gerecht.

Menschen werden nicht nur unterschiedlich alt.

Sie nehmen Alter auch unterschiedlich wahr. Ihre Bedürfnisse unterscheiden sich. Nicht selten widersprechen sie sich sogar.
Widersprüche anzunehmen und unterschiedliche Ansichten gelten zu lassen – das habe ich bei den zahlreichen Lesungen und Diskussionen über dieses Buch gelernt. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer pflichteten mir bei, manchen sprach ich regelrecht aus dem Herzen. Aber es gab auch jene, die sich angegriffen fühlten. Sie brauchten ihren Ruhstand, sie genossen ihn und hatten für meine Bedürfnisse nach Aktivität wenig oder gar kein Verständnis. Im Gespräch mit ihnen habe ich begriffen, dass eine neue Alterspolitik nur dann Sinn macht, wenn sie den unterschiedlichen Befindlichkeiten und Bedürfnissen der Menschen Rechnung trägt.
Und was für die Gesellschaft gilt, trifft auch auf den Einzelnen zu.

Auch ich bin die Summe meiner Widersprüche.

Auch meine Befindlichkeit schwankt, und meine Bedürfnisse ändern sich. Ich bin nicht mehr die, die sich am 30. November 2001 von ihrem Arbeitsplatz beim Schweizer Fernsehen verabschiedet hat. Ich bin auch nicht mehr die, die in den Wintermonaten 2004/2005 dieses Buch geschrieben hat. Ich habe mich verändert.
Da war nicht nur jenes schlagartige Erkennen der eigenen Grenzen auf der Reise durch den Iran. Es gab auch eine Vielzahl kleinerer Veränderungen, die meine Haltung mir selbst und meiner Umwelt gegenüber beeinflussten.

Meine Haare sind mittlerweile ganz weiss geworden.

Ich habe mir dunklere Mèches machen lassen. Zum ersten Mal tat ich etwas, das mich jünger aussehen lassen soll, als ich bin. Muss ich mich deswegen schämen? Oder darf ich einfach zugeben, dass mir der Alterungsprozess meines Körpers zu schaffen macht? Ich weiss heute besser als früher, was ich mir zumuten darf und was nicht. Meine Augen sind schlechter geworden. Die Füsse tun weh. Wenn ich bei einer Lesung das Podium besteigen soll, schaffe ich es nicht mehr ohne Treppchen. Ändern lässt sich das nicht. Man kann es nur schlucken. Die Konsequenzen ergeben sich von selbst.

Von Zeit zu Zeit kommt es auch zu diesen seltsamen Anfällen von Unlust.

Dann sage ich Verpflichtungen ab und fühle mich hinterher besser. Du darfst, aber du musst nicht mehr, sage ich mir – ein gutes Gefühl. Ich spüre dann, wie meine Bindung an den Beruf sich lockert und mein Bedürfnis nach Aktivität nachlässt. Die Welt, der ich so lange angehörte, rückt allmählich von mir ab. Oder ich von ihr. Ich bin nicht mehr angewiesen auf sie. Sie nimmt ihren Lauf auch ohne mich.
Noch sind es nur Momente, aber es gibt sie: Momente, in denen ich einfach da bin, zufrieden und glücklich, ohne zu leisten und ohne zu beweisen, wer ich bin und was ich alles kann. Dann entdecke ich, wie befreiend es ist, nein zu sagen.

 Wie gut es tut, eine Ruhepause einzulegen.

Wie schön es ist, sich mitten im Alltag frei zu nehmen und zu seinem Mann zu sagen: Das Wetter ist schön, lass uns in die Berge fahren! Noch muss ich mir gut zureden dabei, noch habe ich mit schlechtem Gewissen zu kämpfen, aber es funktioniert von Mal zu Mal besser. Ich gehe jetzt öfter auf den Markt am Bürkliplatz und hinterher mit meiner Freundin bei Sprüngli einen Kaffee trinken.

Ich gehe am heiterhellen Werktag ins Kino.

Ich lese Bücher, die ich nicht lesen muss. Und im Herbst dieses Jahres gönne ich mir, zum ersten Mal in meinem ganzen Berufsleben, einen Bildungsurlaub. Ich fahre für einen Monat nach Amerika, um mein Englisch aufzupolieren. Es ist nicht so, dass ich die Sprache beruflich noch unbedingt bräuchte. Es ist nur so, dass ich es noch einmal wissen will: Schaffst du es oder schaffst du es nicht? Ich weiss, das klingt jetzt wieder nach Leistung. Das ist es auch, aber diesmal ist es eine Leistung, die ich nur für mich allein erbringe. Anerkennung von aussen spielt dabei keine Rolle mehr. Ich freue mich auf diese vier Wochen wie auf ein kostbares Geschenk, das ich mir selber mache.
Ich weiss nicht, was mir die nächsten Jahren noch alles bescheren werden: beruflich, gesundheitlich, familiär. Ich weiss nur, dass ich sie bewusster leben möchte als die Jahre, die hinter mir liegen. Die Zeit verrinnt so schnell. Das Leben kann von einem Tag auf den andern zu Ende sein. Es ist schade um alles, was man versäumt hat. Zurückbringen lässt es sich nicht, nachholen auch nicht. Was auf uns zukommt, ist ungewiss.

Das Einzige, was wir auf sicher haben, ist die Gegenwart: das Hier und Jetzt.

Ich möchte es nicht vertun, indem ich irgendwelchen überflüssigen Auftritten und Verpflichtungen nachrenne. Ich möchte mich auf das Wesentliche konzentrieren. Gleichzeitig gibt es noch immer so vieles, was ich gerne tue: Projekte, die mich reizen, Engagements, die mir wichtig erscheinen. Der Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach Aktivität und der Sehnsucht nach Ruhe wird sich wohl nie ganz auflösen, und auch die Frage nach der Identität wird bleiben:

Wer bin ich jenseits von Status und Leistung?

Was bleibt, wenn nichts mehr geht von alledem, was mir ein Leben lang wichtig war?
Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn meiner Reise nach Timbuktu: eine Antwort auf diese Frage zu finden. Dieses Timbuktu läge dann allerdings auf keiner Landkarte, und die Route wäre in keinem Reiseführer verzeichnet. Aber ich bin fast sicher, dass die letzte grosse Reise dorthin führt, wo ich immer schon hin wollte: zu mir selbst.

Zürich, im August 2007

Klara Obermüller: Ruhestand-nein, danke! Xanthippe Verlag

 
 

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