Alterspanik

Mai 4th, 2009 | 1 Comment | Posted in Literatur, Texte

 

Juliana Mecir

Ein Nachmittag im Park

Clara schiebt sich den letzten Bissen ihres zweiten Nougatkrapfens in den Mund, als ein durch die Luft fliegender Fußball ihre Aufmerksamkeit auf ein Bild  ein Meter von ihr entfernt richtet:

eine Frau im Rollstuhl. Die anthrazitfarbene Karojacke bedeckt einen mageren Oberkörper über den ein schmaler eiförmiger Kopf wie eine im Wasser liegende Boje leicht hin und her schwankt. Vereinzelte weiße Haarbüscheln auf rosafarbener Kopfhaut.

Hinter dem Rollstuhl die Betreuerin in einer offenen schwarzen Lederjacke darunter ein pinkfarbenes T-Shirt, tief ausgeschnitten, praller Brustansatz. Die packpapierbraunen leicht fettigen Haare sind mit einer giftgrünen Schnalle zu einem  Pferdeschwanz zusammengebunden. Der Unterkörper, eingepackt in eine moosgrüne Lederhose, lässt erahnen, dass Essen eine nicht unwichtige Komponente des Alltags sein könnte.  

Plötzlicher Szenenwechsel in Claras Kopf.

 Als würde jemand das Bühnenbild mit den goldfarbenen Blättern, die im November- Sonnenlicht zu Boden tänzeln, mit einer Machete zerreißen um zu zeigen, was back stage vor sich geht, in jenem Bereich, wo Fremden der Zutritt verboten ist:

dem Universum von Claras Ängsten:

„so könnte auch ich einmal enden,

im rollstuhl, auf einen hilfsdienst angewiesen,

denn ich bin zu gebrechlich und schwach, um schwimmen, tanzen, spazieren zu gehen,

vom radfahren und nordic walking ganz abgesehen,

vielleicht gibt es bis dahin schon rollstuhl tai chi oder ich meditiere den ganzen tag, um den pflegerinnen nicht die ewig gleichen frühstücksbuttersemmeln nachzuwerfen,

mein häuschen mit garten musste ich verkaufen, um das heim bezahlen zu können, einzimmerappartement wenn ich glück habe und nicht inkontinent werde, oder an alzheimer erkranke,

inkontinent würde mich mehr stören, das merke ich, alzheimer das merken nur die anderen, alzheimer und inkontinent wäre am besten, dann vergesse ich gleich wieder, was ich mich gerade gestört hat,

dieser dezent vorwurfsvolle blick des pflegepersonals, die geblähten nasenflügeln, dann dieser erwachsenen-kindchenton, so frau clara, was haben wir denn da, seufzen, na dann wechseln wir wieder einmal die windeln, i

rgendwann wird es ihnen zu viel, den teppich in meinem einzimmerappartement vom urin zu reinigen und „wir“ übersiedeln in die angeschlossene pflegestation, kann sein, dass es dann keine pensionen mehr gibt, dann nützt mir das ganze ansparen auch nichts und

ich liege so, wie die alten früher in sechs oder gar dreizehnbettzimmern, ich, die immer alleine gelebt hat, immer gab es fluchtpunkte, ausweichmöglichkeiten, bei georg die zweite wohnung, bei max das zweite schlafzimmer, jetzt mit rudi, da haben wir uns angewöhnt, den raum des anderen zu respektieren,

 auf der pflegestation befindet sich alles was mir gehört in einem nachtkästchen und schränkchen, wo bringe ich dann meine tausend bücher und siebenhundert cds unter, wo die masken aus dem senegal, den wandteppich aus indien, die bilder aus brasilien, die teller aus portugal, das tajine, die japanische messerkollektion,

keine rede von einem weinlager, ich werde täglich dieses warme, ausgedünnte hagebutten- und malvenwasser trinken müssen, kann mir nicht einmal ein bier kaufen, denn wie sollte ich allein zum automaten kommen,

keine kerzen und aromalämpchen, denn wir alten sind unberechenbar, vergesslich und unzurechnungsfähig, also wird der ganze raum erbarmungslos nach unseren ausdünstungen riechen, ja sie waschen uns täglich, da lässt sich nichts sagen, aber womit, sicher nicht mit meinen honig-mandel seifen und vermutlich wird meinen körper niemand mit sheabutter oder wildrosenlotion eincremen,

wenn ich in einem fortschrittlichen heim bin, werden sie tiere im umfeld gestatten, zumindest zeitweise, ich werde dann erdulden müssen, dass eine katze die krallen an meinem schlafrock schärft und dass hundeschnauzen an meinem knie herumlecken,wo ich hunde seit meiner kindheit verabscheue, bis heute ist mir am linken oberarm die narbe von dem biß geblieben,

es könnte einen garten geben mit gemüse und blumen, aber wie soll ich vom rollstuhl aus unkraut zupfen oder salat pflücken,

wofür werde ich mich also interessieren,

meine augen sind zu schlecht, um etwas zu lesen, außerdem kenne ich bis dahin schon zigtausende bücher, handarbeiten hasse ich sowieso, stricken geht auch nicht wegen der – in diesem fall gott sei dank – zittrigen hände, kartenspielen ist mir schon seit meiner kindheit unerträglich,

schreiben was und worüber soll ich schreiben und vor allem für wen,

was erlebe ich schon in dem heim: frühstück, mittagessen, schläfchen, abendessen, fernsehen, bei schönem wetter eine ausfahrt, wenn die betreuerin lust darauf hat,

 im zentrum meines lebens werden die schmerzen stehen, der tag wird eingeteilt sein in schmerzfreie und schmerzintensive zonen, alles konzentriert sich auf die medikamenteneinnahme, vier halbe und fünf ganze pillen und das zu fixen stunden, nach denen sich mein körper so sehr sehnt wie früher nach wandern und tanzen,

wieso hängen diese alten leutchen noch an so einem leben, fürchten sie sich so sehr vor dem tod, dass sie eine derartige nicht-existenz in kauf nehmen,

 keine verwandte, keine freunde,die freunde werden entweder bereits tot oder in anderen heimen untergebracht sein, keine kinder, die mich zumindest gelegentlich besuchen kommen müssen, aber auch wenn ich kinder hätte, sie könnten in den usa oder in argentinien leben, bei einem unfall gestorben sein, oder mich vielleicht gar nicht mögen,

rudi muss und wird ebenfalls nicht immer bei mir sein, er kann eine andere frau kennen lernen, er kann vor mir sterben, ich kann ihn verlassen,

hier ist es wieder, dieses herzzerreißende gefühl der absoluten einsamkeit, der sturz ins schwarze loch, dort wo sich all jene materie befindet, die wir bis heute nicht kennen,

allein im universum ohne stadtplan, wanderkarten und kompass für die tausenden von milchstrassen, millionen galaxien, aufgesaugt von den plejaden, zentrifugiert in den spiralnebeln, ausgespuckt und hinter den mond geworfen, ah eine kleine atempause, um danach von der sonne gedörrt zu werden, warum auch nicht, wir machen es ja mit den früchten auch so

und danach wieder diese einsamkeit, als stünde man nackt auf der abwechselnd kelvinkalten und lavaheissenen klinge eines großen japanischen fleischmessers ohne darunter liegendes hackbrett,

wer weiß vielleicht jagen dann rasende quarks durch die adern, begraben mich trippslawinen unter sich, trennen mir neutrinos die haut von den knochen, da kann chagall noch so heimelig kuschelnde pärchen am mitternachtsblauen himmel darstellen, nichts aber auch gar nichts wird diese einsamkeit übermalen können.“

Knurren und Kläffen. Knapp einen Meter von Clara entfernt verbeissen sich ein weisser und ein braunschwarzer Schäferhund ineinander. Die Besitzer zerren an den Leinen, was die Tiere nicht weiter beeindruckt.

Der Rollstuhl steht.

Das Gesicht der alten Frau in der anthrazitfarbenen Karo Jacke ist hingebungsvoll nach oben gewandt – zur Sonne, zum wolkenlosen blauen Himmel, zu einem  imaginären zärtlichen Liebhaber.

Es zeigt Vertrauen, Erwartung, Lust und Genuss, während die Betreuerin mit gebeugtem Rücken missmutig auf der grünen Bank daneben sitzt, ins Leere glotzt und widerwillig eine Leberkäsesemmel kaut.

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One Response to “Alterspanik”

  1. Helene Gratzer Says:

    Der Artikel ist zu lang und noch dazu soooo negativ. Da bekomme ich
    ja eine Ganslhaut! Ich habe nicht bis zum Ende gelesen, es fehlt
    mir die Geduld.Schade.

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