Für die Kunst zu altern brauchen wir die Kunst

März 11th, 2009 | No Comments | Posted in Kunst und Kultur

Werden wir alle zu Zikaden?

aus dem Vortrag von Hubert Gaisbauer “Werden wir alle zu Zikaden?”in der Kunsthalle Krems(NÖ) am 5.12.2008

Ein griechischer Mythos erzählt von der Göttin der Morgenröte, die sich für ihren sterblichen Geliebten Tithonos von Zeus die Unsterblichkeit erwirkt. Sie hat aber vergessen, auch ewige Jugend für ihn zu erbitten. Also darf Tithonos nicht sterben; er trocknet ein und wird schließlich zur lästigen Zikade.

Auch wir werden körperlich immer älter. Geistig jung hält uns die Kunst und verhindert, dass wir seelisch eintrocknen und zu Zikaden werden.

Zwischen der Wirklichkeit des Alters und dem Bild des alten Menschen in der Kunst besteht allerdings seit jeher ein deutlicher und oft sogar erschreckender Zusammenhang. Dies geht dem Betrachter besonders nahe, wenn MalerInnen den Alterungs- und Verfallsprozess der eigenen Eltern darstellen.

In der zeitgenössischen Kunst zeigt sich das Bild des alt(ernd)en Menschen oft wie ein kritischer Kommentar zu all den hilflosen Debatten um die Alters- und Pflegeproblematik. Die Arbeiten von „überrealistischen“ Künstlern wie Duane Hanson artikulieren Trauer und Resignation: „…das Leben wird früher oder später für jeden noch ziemlich schwer“ (Duane Hanson).

Doch der Satz von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist an kein Alter gebunden. Wir können unser Leben als ein Kunstwerk und die Kunst als wichtigste Quelle der Autonomie verstehen: „Kunst = Kreativität = menschliche Freiheit“! Gerade in den Leiden des Alter(n)s kann Kunst durch Provokation eine heilende Wirkung entfalten und zu einem „Auferstehungsprozess“ (Joseph Beuys) führen.

Auch das „Alterswerk“ von KünstlerInnen ist in vielen Fällen eine ermutigende Provokation in einer Gesellschaft, die Kreativität und Vitalität alter Menschen krass unterbewertet.

Viele Menschen erkennen erst „im Alter“ die sinnstiftende und erhellende Funktion von Kunst für ihr Leben. Der Gewinn von neuen Einsichten bewirkt nicht selten überraschendes Glück und nachhaltiges Interesse.

Ein Nachdenken in Bildern mit Anklängen an Joseph Beuys und Duane Hanson

Prof. Hubert Gaisbauer war Mitbegründer des Kultursenders Ö1 und leitete viele Jahre die Hauptabteilungen „Gesellschaft“ und „Religion“ im ORF-Radio. Er lebt als freier Kulturpublizist in Krems-Egelsee.

Leave a Reply